Europas Krise in der Nahaufnahme: „Rechtsruck“

Das Land Südtirol ist bekannt für seine Postkarten-Idylle voller Wiesen, Äcker und Berglandschaften – doch hinter dieser Fassade brodelt es. Denn die Schuldenkrise macht auch vor der autonomen Provinz in Italien nicht halt. Und so wird in der kleinen Region deutlich, was im großen Europa oberflächlich bleibt.

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Es war nur ein Wort.

„Rechtsruck“.

Gelesen habe ich es in einem Artikel des „Spiegel“, gesagt hat es der Politologe Günther Pallaver, bezogen hat es sich auf die italienische Provinz Südtirol, es könnte aber auch ganz Europa gemeint sein.

Am 14. April 2012 zogen etwa 5000 Schützenbrüder durch die Südtiroler Landeshauptstadt Bozen. Sie demonstrierten für eine Abspaltung Südtirols, Weg vom italienischen Schuldenstaat, hinaus in die Freiheit. Die Euro-Krise hat „längst entschlafene Geister“ in Südtirol wachgerufen, schrieb damals der Spiegel, und zitierte Pallaver damit, dass die Provinz eben jenen „Rechtsruck“ erlebe.

Der Leser nimmt die Kerninformation auf: Wie überall in Europa erlebt auch die Urlaubsregion im Zeichen der Krise einen Rückfall in Nationalismus.

Das klingt einfach und nachvollziehbar. Doch wie immer, wenn es um Europas Krise geht, gilt auch hier: Ganz so einfach ist das nicht.

Vier Tage bin ich mit einer Fotografin durch das Land gereist, wir haben uns mit dem Landesoberhaupt und seiner politischen Gegenspielerin unterhalten, haben einen Tag auf dem Bauernhof einer Familie verbracht und das Schützenfest einer kleinen Gemeinde besucht. Die Kosten der Recherche trug die Südtirol-Marketing AG, die jährlich zwölf solcher Recherchereisen an Journalisten vergibt.

Vor meiner Abreise informierte ich mich über die Region, in der Bundeskanzlerin Merkel bereits acht Mal Urlaub gemacht hat und damit wahrscheinlich nicht die einzige Deutsche ist. Trotzdem wissen nicht alle: Südtirol liegt zwar in Italien, aber es gehört nicht wirklich dazu. Die Region genießt weitgehende Autonomie, die Landesregierung verwaltet 90 Prozent ihrer Steuereinnahmen und regelt so gut wie alles selbst, nur bei der Polizei, der Außensicherheitspolitik und in Teilen bei Bildung und Finanzen liegen die Zuständigkeitsrechte beim Staat Italien. Nachdem die Provinz im ersten Weltkrieg von Italien annektiert wurde, haben die Südtiroler über Jahre hinweg diese Autonomie erkämpft und verteidigt.

Nichts ist so eng mit ihrer Geschichte verknüpft wie das Recht auf Selbstbestimmung.

Doch Italiens Technokraten-Regierung unter Ministerpräsident Mario Monti macht in ihren Sparanstrengungen vor nichts halt – auch nicht vor Südtirols Autonomie.

Unter dem Druck der Finanzmärkte – Italiens muss für neue Schulden hohe Zinsen zahlen und die Provinz Sizilien ist pleite – versucht Monti alles aus seinem Staat herauszupressen. Er erlässt so neue Steuern und führt alte wieder ein. Seine einzige Aufgabe: den Haushalt sanieren.

Und jetzt passiert in Südtirol das, was überall in Europa passiert: Die Menschen stehen auf gegen die „alternativlose“ Politik, alte Konflikte brechen auf, und neue Parteien gewinnen an Macht. Um zu verstehen, was in den Menschen in Südtirol vorgeht, beginnt unsere Reise mit einem Stereotyp. Wir besuchen eine Bergbauern-Familie, die Agrar-Subventionen bezieht.

Das Ehepaar Sebastian und Sonja Zöggeler leben mit ihren Kindern Laurin, Eva, Jakob, Greta, Julia und Anna in den Bergen über 1000 Metern Höhe nördlich der Landeshauptstadt Bozen. Im nächstgelegenen Dorf Flaas gehen die Kinder zur Grundschule. Für die weiterführenden Schulen werden sie erst mit einem Sonderbus zur nächsten Bushaltestelle gekarrt, dann geht es mit dem Linienbus über endlose Serpentinenwege weiter in die Landeshauptstadt. Der Hof liegt eingebettet zwischen grünen Hügeln, der Ausblick reicht weit bis ins nächste Tal, eine kleine alte Kirche vervollständigt das verträumte postkartentaugliche Panorama – das aber schwer zu bewirtschaften ist. Ohne die Unterstützung der Landesregierung durch diverse Steuererleichterungen, Ausnahmeregeln und Begünstigungen könnte der Hof wohl kaum überleben.

Sebastian Zöggeler – wie viele Südtiroler duzt er uns sofort – ist 51 Jahre alt, hoch, dünn, kräftig, ein paar Falten. Körperlich hart, aber ein offenes breites Lächeln.

Es ist schon dunkel, als er seine Arbeit beendet und in den Aufenthaltsraum einlädt. Hier reihen sich große und kleine Pokale aneinander, große Schärpen mit Kuhglocken hängen daneben – Preise von Zucht- und Reitwettbewerben. „Über die Jahre sammelt sich halt so einiges an“, sagt Sebastian beiläufig und holt eine Flasche Selbstgebrannten hervor. Er schmeckt gut, kratzt nicht im Hals. „Ist wie Medizin“, sagt Sebastian.

Wir genehmigen uns den einen oder anderen Schluck, reden über Haflinger, die Südtiroler Gebirgspferderasse, über Kuh-Schönheitswettbewerbe, den Hof, die Kinder. Seine älteste Tochter Anna, 20, stimmt mit ein, „übersetzt“, wenn ich mal wieder den Dialekt nicht verstanden habe. Es ist eine angenehme Stimmung.

Doch es muss sein. Wir müssen über Politik sprechen. Über Südtirols Autonomie.

Sebastian legt eine Trophäe beiseite, über die wir uns gerade unterhalten haben, tritt an die Theke, legt die Arme darauf und schaut mich ruhig an. Wann immer ich in den kommenden Tagen das Thema anspreche, ist die Reaktion der Leute ähnlich: Sie kommen näher, werden ruhig und erzählen bereitwillig; teilweise habe ich das Gefühl, sie freuen sich darüber, dass ihnen jemand zuhört, dass sich jemand nicht nur für die schönsten Wanderwege von Südtirol interessiert, sondern für das Wesen der Provinz, für die Konflikte.

Und die sind vielzählig, das wird mir bewusst, als Vater Sebastian und Tochter Anna diskutieren: Es geht um Minderheiten, Freiheitskämpfer, Kungeleien, Gesetze, Parteien und vieles mehr. Sie verfallen in ihren Dialekt und ich kann ihnen nur noch schwer folgen. Doch in einem sind sich die beiden recht schnell einig: Warum soll Südtirol noch mehr Geld an Italien zahlen? Geld, das in Italiens Süden versickere. Dort, wo über 18 Prozent der Beschäftigten in der Schattenwirtschaft angestellt sind, wo die Mafia den Hauptteil ihrer Geschäfte macht und im Fall Neapal eine Stadt im Müll versinken lässt. Viele Südtiroler sehen ihre Provinz als die „Melkkuh Italiens“ – der nun mehr Milch abverlangt wird, als sie zu geben bereit ist.

„Am besten sollte man Italiens Süden abspalten und ins Meer hinausschieben“, sagt Sebastian und lacht dabei. Ich stutze kurz, überlege, ob ich ihn so zitieren soll. Aber es ist vergleichbar mit Aussagen wie „Verkauft doch Eure Inseln, ihr Pleite-Griechen“ und „Schmeißt die faulen Griechen aus dem Euro raus“, mit der die „Bild“ eine Kampagne fuhr. Es ist Sebastians unverblümte Meinung, die deutlich auf den Punkt bringt, was auch andere in Südtirol denken: Weg von Rom, weg von der italienischen Schuldenwirtschaft.

Seine Tochter Anna denkt da anders. Es sei natürlich alles nicht so schön, sagt sie, aber man müsse auch realistisch bleiben. Und wenn man das tut, „kann man die meisten Parteien vergessen“, sagt sie. „Eigentlich kann man dann nur die SVP wählen.“

Die SVP ist die Südtiroler Volkspartei. Seit 1952 ist sie in Südtirol an der Macht – mit absoluter Mehrheit. Unter dieser Führung hat sich die Provinz vom Sorgenkind zur reichsten Region – gemessen am BIP pro Kopf – Italiens gemausert; sie hat keine Schulden und – gemessen an der Einwohnerzahl von 500.000 – ein recht stattliches Budget von über fünf Milliarden Euro.

Solange die Wirtschaft wuchs und es allen gut ging – die Arbeitslosenquote in Südtirol schwankte lange zwischen eins und drei Prozent –, gab es keinen Grund sich zu beschweren. Doch jetzt in der Krise, wo Südtirols Autonomie gefährdet ist, beginnen sich die Zweifel zu mehren. Zweifel gegenüber der SVP, Zweifel gegenüber dem „System“. Einige nennen es das „System Durnwalder“. Luis Durnwalder. Er ist der Landeshauptmann – also quasi Ministerpräsident – von Südtirol. Seit 23 Jahren.

Wir treffen Durnwalder in seinem Büro im Palais Widmann, dem Landtagssitz Südtirols, am Silvio-Magnago-Platz 1. Durnwalder, oder auch „der Luis“, wie ihn Sebastians Tochter Anna ihn manchmal genannt hat, ist 72 Jahre alt, mit massiger Statur und einem gutmütigen Opa-Lächeln. Zu Anfang des Interviews schaut er noch viel auf seine Hände, später jedoch richtet er sich auf, und als es um die Ausländer in seinem Land geht und wie die zweitstärkste Partei gegen diese „hetze“, ist er nicht mehr ruhig, sondern braust auf, argumentiert vehement unter Einsatz seiner Hände, wird zum Kämpfer, oder vielleicht auch: zum Wahlkämpfer. Ganz sicher bin ich mir da nicht.

Meistens jedoch bleibt Durnwalder ruhig. Wenn ich kritischer werde, dann beginnt er seine Antwort gerne mit „Wissen Sie, Herr Meyer“ und beginnt zu erklären. Was ist etwa mit seinem SVP-Parteikollegen Thomas Widmann, der gefordert hat, Südtirol für 15 Milliarden Euro von Italien freizukaufen? „Wissen Sie, Herr Meyer, das ist Herrn Widmanns ganz persönliche Meinung. Und nicht die der Partei.“ Was halten Sie davon, dass Ihnen und Ihrer Partei Kungelei vorgeworfen wird? „Wissen Sie, Herr Meyer, dass die SVP so lange an der Macht ist, ist gut für Südtirol: Wir können nicht nur Programme machen, sondern sie auch umsetzen. Das geht nicht, wenn alle paar Jahre die Regierung wechseln würde.“

Ich denke daran, dass in China meist ähnlich argumentiert wird und ärgere ich mich nach dem Interview, dass ich ihn nicht nach seiner Meinung zu diesem Vergleich gefragt habe. Erst später erfahre ich, dass Durnwalder öffentlich gesagt hat, er würde „wohl nie einen Nobelpreis für Demokratie gewinnen“.

Für Durnwalder ist die aktuelle Lage in der Krise ganz klar: Südtirol muss seine Autonomie gegenüber dem Staat Italien wahren; dazu verhandelt seine Partei mit Rom und zieht vor das Verfassungsgericht, um auf das Recht auf Selbstbestimmung zu pochen. „Doch Rom hört nicht zu.“ Aber wäre es nicht ein Zeichen von Solidarität, dem Staat in der Krise zu helfen? „Ganz im Gegenteil“, antwortet Durnwalder. „Wir haben über Jahre gezeigt, dass wir schneller, besser und bürgernäher wirtschaften können.“ Das Argument: Wenn Italien jetzt mit aller Härte eingreifen würde, würde das die Wirtschaft abwürgen.

Südtirol ist im Euro-Krisen-Universum sowohl Deutschland als auch Griechenland zugleich: Zum einen ist es die reichste Region und kann daher mehr zahlen als andere, im Gegenteil zu Deutschland kann es aber keine Forderungen stellen, im Gegenteil: Es muss wie Griechenland um Teile seine Souveränität fürchten. Kurz gesagt: Südtirol hat zwar das Geld, aber nicht die Macht.

„Eines ist klar“, sagt Durnwalder. „Je sturer Rom ist, desto mehr nehmen die Oppositionsparteien zu.“ Jene Parteien, die eine Abspaltung Südtirols fordern – eine „Irreführung der Bevölkerung“, so Durnwalder – und damit die politische Stabilität ins Wanken bringen.

Der 72-Jährige wirkt auf mich wie ein Oberhaupt, das ein uraltes Familienunternehmen führt und dieses um alles in der Macht verteidigen will; nicht nur gegen Rom, sondern auch gegen innere „Feinde“: Abweichler in der Partei und die Oppositionsparteien. Dabei geht es Durnwalder aber nicht um seine Partei. Durnwalder geht es um „sein“ Land Südtriol. Wobei einige bestimmt sagen würden: „Das ist doch die Partei“.

Eine, die das wohl so ähnlich sieht, ist Ulli Mair, Parteiobfrau der Freiheitlichen, der größten Konkurrenz der Volkspartei. Die Freiheitlichen haben der SVP bei den vergangenen Wahlen 2008 ordentlich Stimmen abgejagt: Die Volkspartei rutschte von 55,6 (2003) auf 48,1 Prozent ab. Die Freiheitlichen hingegen gewannen 9,3 Prozentpunkte hinzu, erhielten so 14,3 Prozent der Stimmen – trotz dieses Riesenabstandes sind sie nun die zweitstärkste Partei
Südtirols.

Wir treffen Ulli Mair in der schummrig-vornehmen Bar des Bozener Hotels Laurin. Sie trägt hohe Schuhe und ein schwarzes knapp geschnittenes Kleid, das ihre gute Figur betont. Ihre Zehennägel sind schwarz lackiert, ihre schwarzen Harre ordentlich glatt gekämmt: ein Outfit für einen geplanten Stadtspaziergang, der aber wegen Regen ins Wasser gefallen ist.

Nun sitzt sie auf einem Sessel, hält die Beine zusammen, stützt ihre Arme darauf ab, den Kopf nach vorne geschoben. Nur ein, zwei Mal lehnt sie sich kurz in ihrem Sessel zurück, überkreuzt die Beine, wirkt entspannter. Die meiste Zeit jedoch hat sie den Kopf nach vorne gereckt, fixiert mich und spricht mit deutlicher Stimme.

Der anfängliche Small Talk bleibt kurz. Es geht sofort um Politik. Und die Medien. Oder besser: um ein ganz bestimmtes Medium.

Die Region Südtirol mit seinen über 500.000 Einwohnern hat eine deutschsprachige Tageszeitung, die wohl als einflussreichstes Medium der Region gelten kann: die Dolomiten

Ulli Mair beschreibt die Beziehung ihrer Partei zu den Dolomiten als „sehr angespannt“; die Dolomiten würden nur dann über ihre Partei berichten, wenn sie „ein Haar in der Suppe“ gefunden hätten. Und wenn ihre Partei eine Anfrage im Landtag stelle und etwas herausfinde, berichteten die Dolomiten zwar darüber, doch ohne die Freiheitlichen als Quelle zu nennen. Ein konkretes Beispiel kann sie auf Anhieb nicht nennen.

Günther Heidegger, Stellvertretender Chefredakteur der Dolomiten, bestreitet auf Nachfrage die Vorwürfe: „Wahr ist nur, dass wir Südtirols Freiheitliche entsprechend ihrer Bedeutung behandeln und die die liegt nicht so hoch, wie dies die Freiheitlichen gerne hätten. Dies scheint Frau Mair nicht akzeptieren zu wollen.“

Die heutige Politikerin wollte immer Journalistin werden und hatte sich während ihres Studiums für ein Pflichtpraktikum bei den Dolomiten beworben. „Dort wurde ich dann nach meinem Parteibuch gefragt. Als ich denen sagte, dass ich kein Mitglied der SVP bin, wurde ich abgelehnt. Da dachte ich: Das kann nicht sein!“ Sie ging in die Politik, absolvierte ihr Praktikum bei den Freiheitlichen, gewann dort sehr schnell an Berühmtheit und löste im Februar 2012 Parteiobmann Pius Leitner ab. Die Dolomiten bestreiten, dass sie nach Parteibuch auswählen. Heidegger: „Wir haben hier jedes Jahr unzählige Praktikanten und deren Parteizugehörigkeit hat uns noch nie interessiert.“

Mair erzählt, dass sie schon immer eine Kämpferin, nie eine Mitläuferin, war, dass sie in der Schule für ihre Mitschüler eintrat und dass viele ihrer Freunde sagen, der Weg in die Politik sei genau das Richtige für sie. Sie führt einen Feldzug gegen ein System, das sie unumwunden mit der DDR in Deutschland vergleicht.

Und für ihren Feldzug scheint ihr jedes Mittel recht.

Ulli Mair tritt für einen Freistaat Südtirol ein, vollkommen losgelöst von Italien. Sie hat sogar einen Verfassungsentwurf anfertigen lassen, der offensichtlich Passagen aus dem deutschen Grundgesetz enthält. Als ich sie frage, ob es noch mehr Vorbilder für ihre Verfassung gibt, und zu einigen Artikeln etwas detailliert wissen will, wiegelt sie ab: „Da müssen sie Professor Peter Pernthaler fragen, der hat die Verfassung ausgearbeitet.“ Ich frage sie, wie realistisch sie die Pläne eines Freistaats sieht: Abgesehen von wirtschaftlichen Aspekten, wie steht es mit der EU-Mitgliedschaft? Und dem Verbleib in der Eurozone? Müsste Südtirol nicht sogar eine eigene Währung einführen? „Ja und? Warum denn nicht? In der Schweiz klappt das doch auch.“ Die Schweiz profitiert aber auch von einem intransparenten Finanzsektor. „Na und? Dann bauen wir sowas eben auch auf“, sagt sie und meint damit: Sagen Sie mir nicht, was möglich und was nicht möglich ist. Das haben schon ganz andere versucht.

Neben dem Freistaat Südtirol dreht sich ihr zweites großes Thema um Ausländer. Sie fordert – ganz nach ihrem politischen Vorbild aus Österreich Jörg Haider – verpflichtende Sprachkurse für Kinder. „Ich will nicht erleben, dass wie in Deutschland in der Schule auf Türkisch unterrichtet wird.“ Ja, Ulli Mair trägt das Etikett Rechtspopulistin – und sie lehnt es ab: „Wenn man heutzutage nur ein wenig rechts von der Mitte ist, ist man gleich Rechtsextremist oder Populist.“ Aber würde sie sagen, dass ihre Forderungen zwar nicht extrem sind, aber radikal? „Ich kann verstehen, wenn einige das als radikal ansehen. Aber radikal muss ja nichts Schlechtes sein.“

Radikaler als andere – soll heißen: liberaler – sind die Freiheitlichen auch im Wirtschaftsbereich. Mair will die die hohen Subventionen für die Bauern kappen, da es gerade die großen ohnehin gutverdienenden Bauern seien, die davon profitierten. Ich muss an Familie Zöggeler denken und spreche sie darauf an. Sie wird leiser und sagt meinem Blick ausweichend: „Man muss eben überlegen, welche Geschäftsmodelle sich auf Dauer halten können.“

Ulli Mair ist sich bewusst, wie sehr sie mit ihren Forderungen polarisiert. Auf der Rückseite ihres Verfassungsentwurf steht ein Zitat von Hermann Hesse: „Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen.“ Nach dem Gespräch mit Mair bin ich mir sicher: Das Unmögliche ist die Gründung eines Freistaats, das Mögliche aber ist die Veränderung des „Systems Südtirol“, das Bieten einer Alternative, das Ende des „Einfach weiter so“.

Für ihren Feldzug findet sie Unterstützung in der Bevölkerung – gerade auch im nördlichen Teil Südtirols. Dort liegt das Pustertal: Hier sind 96% der Einwohner „deutschsprachige Italiener“ – oder „Deutsche in Italien“, wie es Ex-Landeshauptmann Luis Magnago formuliert hatte. Als Italien nach dem Ersten Weltkrieg Südtirol annektiert hatte, zog der Staat hier durch das Tal anhand von Gebirgen und Flüssen eine neue Grenze zu Österreich. Auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs blieb diese Grenze, doch die Südtiroler pochten auf ihr Recht auf Selbstbestimmung. Einige Aktivisten, die den „Befreiuungsausschuss Südtirol“ gründeten, verübten Bombenaschläge, die ihren Höhepunkt in der sogenannten Feuernacht vom 11. auf den 12. Juni 1961 fanden: Die Mitglieder sprengten 37 Strommasten.

Für den italienischen Staat waren das damals „Terroristen“. Für Efrem Oberlechner waren und sind es jedoch „Freiheitskämpfer“.

Efrem Oberlechner ist Schützenkommandant der Kompanie Ehrenburg und Pressesprecher des Südtiroler Schützenbundes. Er begrüßt uns im Festzelt von Steinhaus, einem kleinen Dorf im Pustertal, das an diesem Wochenende gerade sein 100-jähriges Jubiläum feiert. Sein Landeskommandant, Elmar Thaler, hätte gerne zu dem Thema mit uns gesprochen, doch zu unserem Besuch befand er sich gerade im Urlaub.

Hauptberuflich ist Efrem – auch er duzt uns sofort – Vermessungstechniker, „aber in meiner Freizeit bin ich durch und durch Schütze“. Als er 17 Jahre alt war, beschloss er beizutreten: Damals hatte der junge Efrem bei einer Demonstration der Schützen zugeschaut und war beeindruckt: „Sie wurden beleidigt und bespuckt, doch sie marschierten einfach weiter. Das hat mich so fasziniert, dass ich Mitglied geworden bin.“

Als ehrenamtlicher Pressereferent hat er mittlerweile eine Münchener Produktionsfirma engagiert, die professionelle Filme über die Aktionen der Schützen dreht, er lädt Videos und Bilder im Netz hoch, kommuniziert via Facebook. Er will eine Gegenöffentlichkeit schaffen zu den Südtiroler Medien, die seiner Ansicht nach nicht objektiv genug berichten.

Es wäre einfach, Efrem in das vermeintlich typische Bild eines Schützen zu pressen: Er hört Böhse Onkelz sowie den Quasi-Nachfolger FreiWild, er hält es für problematisch, dass mehr und mehr deutschsprachige Südtiroler sich zu Italiener „assimilieren“ lassen, und er findet, dass „Italiener nun einmal Italiener, und Deutsche nun einmal Deutsche sind“.

Als ihn die Fotografin dieser Geschichte aber danach fragt, ob er sich selbst als Nationalist sieht, lächelt Efrem und kann sehr genau ausführen, was ihn wirklich bewegt: Er sieht sich als Patriot. Nicht als Nationalist. Da zieht er eine klare Linie. „Nationalisten stellen sich über andere Nationen. Patrioten lieben ihr Vaterland, doch sehen andere Nationen als gleichberechtigt neben sich an.“ Er sagt, es sei jedem Südtiroler freigestellt, ob er sich nun als Italiener oder Österreicher oder etwas ganz anderes fühle – der Schützenbund werbe nur für die Erhaltung der Tradition, er wolle sie niemanden aufzwingen.

Wenn es Schützenvereine nicht schon so lange geben würde, würde ich sie wohl in die Kategorie NGO (Non-Governmental Organisation, eine Nichtregierungs-Organisation) einordnen. So wie Greenpeace für die Umwelt wirbt und Amnesty International für die Menschenrechte, tut es der Schützenbund für die Kultur: eine Lobby-Gruppe für den Erhalt der Tradition.

Die Schützen traten schon immer ein für – so die offizielle Losung – „den Glauben, die Einheit des Landes Tirols, die Schützentracht, das Schießen und die Umwelt und Natur“. Seitdem aber die Krise ausgebrochen ist und vor allem seitdem Montis Sparmaßnahmen Italien zum Sparen zwingt, treten plötzlich Personen für die Autonomie Südtirols ein, die vorher nie etwas dazu gesagt hatten. „Selbst mein Vater, ein echter SVP-Stammwähler, fängt jetzt an zu zweifeln“, erzählt Efrem.

Die Krise verleiht Konflikten neuen Zündstoff, aber den Ursprung haben diese Konflikte in der Geschichte – nicht nur in der Geschichte des Landes, sondern auch in den Geschichten jedes einzelnen Menschen, der in dieser Geschichte auftaucht.

Ich habe mich nicht mit diesen Menschen getroffen, weil ich ihre Meinung teile, sondern weil ich es wichtig finde, ihre Meinung zu kennen, und um zu verstehen, warum sie diese haben. In der Krise braucht nicht nur Südtirol, sondern ganz Europa mehr denn je eine Öffentlichkeit, die alle Meinungen einbezieht und keine ausgrenzt. Ansonsten entstehen lauter kleine Gegenöffentlichkeiten, die sich nur um sich selbst drehen, sich abschotten, sich radikalisieren. Der YouTube-Kanal des Südtiroler Schützenbundes ist da sicher noch ein harmloses Beispiel.

Ich bin ein Verfechter der europäischen Idee, glaube daran, dass Europa zusammenstehen muss und nicht wieder in Nationalismus verfallen darf. Die Europäer müssen sich deswegen nicht unbedingt mögen. Aber sie sollten sich wenigstens kennen. Daher will ich dieser Krise nicht mit noch mehr politischer Agitation, nicht mit noch lauterem Geschrei, nicht mit noch mehr Abgrenzung begegnen, sondern damit, was Europa nun am meisten braucht: mit mehr Offenheit.

Am letzten Tag unserer Reise begleiten wir den Umzug der Schützen in Steinhaus. Rund 200 Uniformierte marschieren durch die Dorfstraßen, an deren Seiten die Einwohner zugucken, winken und klatschen. Die Prozession endet auf einem Hügel, in Reih und Glied stehen die Schützen da, wie sie es wohl auch schon vor 100 Jahren getan haben, im Hintergrund erstreckt sich das Arntal. Die Heilige Messe beginnt und der Pastor ergreift das Wort. Er spricht über Südtirol, über die aktuelle Krise und darüber, dass in all diesen Wirrungen viele Menschen keinen Halt mehr fänden. Sie seien „heimatlos“.

Heimatlos. Ein starkes Wort.

Alle Personen, mit denen ich gesprochen habe, Sebastian Zöggeler, Luis Durnwalder, Ulli Mair, Efrem Oberlechner, sie alle sagen, sie sehen sich als Europäer. Doch sie sind eben auch Teil einer Nation und Teil einer Region, eines Tals, einer Stadt, einer Gemeinde oder eines Dorfes – und Teil ihrer Familie.

Jeder grenzt seine Heimat anders ab. Efrem erklärt, für ihn komme erst die Familie, dann die Gemeinde, dann das Tal, dann Tirol, dann Österreich und dann Europa (und damit auch erst Italien), und dann die Welt.

Jetzt in der Krise – wo gespart wird und jeder sehen muss, wo er bleibt – ziehen sich Menschen in die kleinen Kreise zurück, in die Heimat, die ihnen am wichtigsten ist; in jene Heimat, die es zu beschützen gilt.

Man kann das einen „Rechtsruck“ nennen. Man kann auch Ulli Mair als „Rechtspopulistin“, als „extrem“ oder „radikal“, die Südtiroler Schützen als „Nationalisten“ oder „Patrioten“, die Rebellen als „Freiheitskämpfer“ oder „Terroristen“ bezeichnen. Man kann auch 3565 Wörter – so lang ist dieser Text – verwenden. Man kann auch weniger oder mehr schreiben. Doch jeder würde wahrscheinlich andere Wörter als meine benutzen. Denn eines steht fest: Es ist nie nur ein Wort.

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