Sonntagsauslese vom 11.01.2015: Griechenland, Geliebte Feinde

Merkel vs. Tsipras: Die Monarchin und der Rebell
Die deutsche Bundesregierung droht den Griechen, nicht die linke Syriza zu wählen. Verständlich, schließlich tobt ein Machtkampf in Europa. Doch nicht zwischen Deutschland und Griechenland, sondern zwischen Europas Konservativen und ihren Linken.
TheEuropean.de
Ein Text von mir, der klar machen soll, dass jede nationale Wahl in der EU auch gleichzeitig eine europäische Wahl ist.

Geliebte Feinde
Kaum eine Beziehungsgeschichte zwischen zwei Völkern ist so verzwickt wie die von Franzosen und Deutschen. Die erste Folge der Reihe „Geliebte Feinde“ sucht nach den Wurzeln beider Völker.
zdf.de
Neulich entdeckt: Interessante Geschichtsstunde. Von arte produziert, aber in der Mediathek vom ZDF vorhanden. Vor allem die gemeinsamen Wurzeln von Arminius und Vercingetorix bis hin zu Karl, dem Großen, sind nett und schnell zusammengefasst.
Falls es in der Mediathek nicht mehr verfügbar ist –> YouTube.

Arabische Medien: „Wir trauern mit Euch, aber…“
„Wir sind Charlie“, lautet die Botschaft erstaunlich vieler arabischer Medien nach dem Pariser Massaker. Doch es gibt auch Kritik an der Heroisierung von „Charlie Hebdo“.
zeit.de
Schöner Text, der das ganze mal aus einer anderen Perspektive beleuchtet, wenn auch mit einem teils paternalistischen Ton. Beispiel:
„Andere gaben brav die Verlautbarungen ihrer Machthaber wieder.  ‚Staatspräsident Abdel Fattah al-Sissi verurteilt den Angriff auf das französische Magazin Charlie Hebdo‘, meldete das ägyptische Blatt Al Ahram, ‚und fordert koordinierte internationale Anstrengungen zum Kampf gegen den Terrorismus.'“
Man tausche „al-Sissi“ mit „Hollande“ und man hat einen Satz aus der Tagesschau.

Wer Französisch kann: Hier gibt es übrigens den Comic von „Carlie Hebdo“ „La vie de Mahomet“
scribd.com

Pegida-Anführer operierten mit Hitler-Zitaten und rassistischen Parolen
spiegel.de
Ein paar Zitate aus einer geschlossenen Facebook-Gruppe von Pegida. Sicher nicht repräsentativ, aber sehr erhellend.

Is this the strangest sound in Swedish?
The word for ‚yes‘ in most of Sweden is ‚ja‘, but in the north of the country a unique sound is used instead, as The Local’s Oliver Gee discovered in the city of Umeå.
thelocal.se
Schaut es Euch an. Unbedingt! Man denkt, die im Norden Schwedens haben alle einen seltsamen Schluckauf.

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Europas Twitter-Öffentlichkeit: Zersplittert und doch verknüpft

Wissenschaftler haben mit den Daten von fast 12.000 Twitter-Accounts faszinierende Datenströme zu Europas politschen Twitter-Sphären erstellt: Frankreich ist gespalten, Italien liebt Satire, Großbritannien steht im Informations-Zentrum – und Deutsche sind zwitscherscheu.

So bunt ist Wissenschaft selten: Die Universität Wien und das Marktforschungsinstiut GfK haben untersucht, welche Twitter-Accounts in Europa am stärksten miteinander vernetzt sind, und errechneten aus diesen Daten Grafiken, die wie farbige Nebelgalaxien aussehen. Sie klären darüber auf, wer mit wem im politischen Europa spricht, oder auch: nicht spricht.

Europas Twitter-Sphäre im Überblick

Europas Twitter-Sphäre im Überblick

“Twitter hat in Europa nicht den Stellenwert wie etwa in den USA”, sagt Christian Waldheim, Globaler Chef der Social Media-Forschung der GfK. “Aber Medien zitieren immer öfter Tweets von Politikern und anderen öffentlichen Personen, wodurch Twitter in die Massenkanäle überschwappt.” Zum Beispiel twitterte Regierungssprecher Seibert aus dem Europäischen Rat darüber, was Angela Merkel zum Geburtstag geschenkt bekommen hat:

Während in den USA über 10 Prozent aller Internetnutzer auf Twitter aktiv sind, sind es in Deutschland nur rund ein Prozent, die Zahlen von Spanien, England und Holland befinden sich dazwischen. “Das hat kulturelle Hintergründe: Deutsche und Österreicher nutzen lieber Facebook, weil man dort entscheiden kann, wo man sich mitteilen möchte und wer seine Nachrichten lesen kann”, sagt Axel Maireder, Kommunikationswissenschaftler an der Uni Wien und Leiter der Studie.

Twitter hingegen ist fast 100 Prozent transparent. “Im Süden Spaniens zum Beispiel entwickelte sich die politische Kultur draußen unter freiem Himmel”, erläutert Maireder. “Vielleicht haben die Menschen dadurch eine offenere Beziehung zur Öffentlichkeit. Auch in Südamerika nutzen verhältnisßmäßig viele Menschen Twitter.”

– Cameron ist nicht dabei –

In die Studie flossen Twitter-Nutzer ein, die mindestens 250 Follower verzeichnen und sich in den zwei Monaten vor der Europa-Wahl mit mindestens zwei Tweets zu Europa geäußert haben. Der britische Premier David Cameron (@David_Cameron) taucht deswegen mit seinen über 700.000 Followern in der Studie nicht auf. Angela Merkel im Übrigen auch nicht – sie hat keinen Twitter-Account, Regierunssprecher Steffen Seibert übernimmt das für die Bundeskanzlerin unter @regsprecher.

Die Wissenschaftler und die GfK-Social-Media-Experten sammelten und werteten 450.000 Accounts aus und kamen später auf knapp unter 12.000 Top-Nutzer. Diese untersuchten sie darauf, wie stark sie in der Twittersphäre vernetzt sind. Im Zentrum des europäischen Informationsnetzwerks stehen die Twitter-Accounts der Europa-Wahl-Spitzenkandidaten Martin Schulz (jetzt wieder Parlamentspräsident) und Jean-Claude Juncker (jetzt Kommissionspräsident).

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Das Zentrum der europäischen Twitter-Öffentlichkeit

Ebenfalls im Zentrum des Informationsstroms stehen Qualitätsmedien wie die spanische El Pais und die französische Le Monde, wobei britische Medien wie The Economist, BBC und Guardian dominieren – allein schon wegen Englisch als lingua franca. Unter Journalisten sehen einige EU-Korrespondenten darin ein Problem, weil so die britische Sichtweise in Debatten überrepräsentiert sei. “Das kann man sich gut vorstellen”, sagt Maireder. “Beweisen lässt sich das mit unseren Daten aber nicht.”

Um das Zentrum herum wabern die nationalen Twitter-Öffentlichkeiten von Großbritannien, Deutschland, Italien, Spanien, Frankreich, den Niederlanden sowie den nordischen Ländern Dänemark, Schweden und Finnland – die Bürger in Mittelosteuropa nutzen Twitter nur spärlich und sind daher fast gar nicht vertreten.

“Die europäische Twittersphäre ist relativ lose miteinander verknüpft”, sagt Maireder. In den einzelnen EU-Staaten ergeben sich – wenig überraschend – viel dichtere Netze. Diese sind aber auch in Teil-Öffentlichkeiten zersplittert: In Frankreich zum Beispiel existiert eine Trennlinie zwischen dem Mainstream und der konservativen Rechten. Das heißt: Rechts wie Rest bleiben vornehmlich unter sich.

Frankreichs Twitter-Sphäre

Frankreichs Twitter-Sphäre

“Das ist zwar Ausdruck einer Spaltung, aber kein Ausdruck der Radikalisierung. Im Gegenteil.”, sagt Waldheim. “Früher hat man sich in geschlossenen Internetforen getroffen, jetzt ist es öffentlich.” Dadurch komme der Durchschnittsnutzer viel eher mit anderen politischen Einstellungen in Kontakt, als es früher der Fall war. So steht etwa die Front-National-Chefin Marine Le Pen (@MLP_Officiel) nicht mitten in der Sphäre der Rechten oder gar am Rand, sondern genau zwischen dem Mainstream und dem nationalistischen Flügel – auch weil sie europaweit viele Follower hat.

– In Italien dominiert die Satire –

In Italien ist die Situation ähnlich, allerdings heißen die beiden Sphären hier “Mainstream” und “Blogger, Satiriker und tendenziell Linke”. Der Blogger Michele Di Salvo (@micheledisalvo) steht zwischen den zwei Clustern. Fake-Accounts, Karikaturen-Zeichner und andere, die Information mit Unterhaltung verbinden, haben eine große Follower-Zahl. “Italien hat eine lange Tradition in politischer Satire”, sagt Maireder. “Und mit den neuen technischen Möglichkeiten kann man nun schneller bekannt werden.”

IT

Italiens Twitter-Sphäre

In Deutschland und Österreich sind die Twitter-Sphären weniger ausdifferenziert: Die technikaffinen Unterstützer der Piratenpartei sowie die eher tendenziell jungen Grünen-Anhänger bilden die einzig nennenswert großen Gruppen. Das Zentrum nehmen Mainstream-Medien wie @Spiegel, @zeitonline und @tagesschau ein. Ähnlich diffus sieht es in Großbritannien, den Niederlanden und den Nordischen Ländern aus.

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Deutsch-Österreichische Twitter-Sphäre

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Britische Twitter-Sphäre

Allerdings erfuhr das Thema Europa in Italien, Frankreich und vor allem Spanien viel mehr Beachtung auf Twitter als in anderen Ländern. Dadurch erhöhte sich die Grundgesamtheit an Twitter-Accounts in den Ländern und erlaubte so ein detailliertes Bild.

In Spanien kristallisierten sich so sehr viele verschiedene Cluster heraus, mit Konservativen, Liberalen, Sozialdemokraten, der 15M-Bewegung und der Region Katalonien. Ähnlich würde es wohl auch in anderen Ländern aussehen, wenn mehr Twitter-Accounts in die Studie einfließen würden. Eine entsprechende Untersuchung über die Twittersphäre in Österreich zum Beispiel zeigt deutliche Cluster-Bildungen entlang der politischen Ideologien.

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Spanische Twitter-Sphäre

In Europa ist das nicht der Fall, hier bilden sich die Cluster hauptsächlich entlang der nationalen Zugehörigkeit, beziehungsweise der jeweiligen Sprachräume. Waldheim glaubt aber daran, dass Twitter und andere soziale Medien einen Beitrag zu einer echten europäischen Öffentlichkeit leisten werden. “Es ist eine der schönsten Prozesse der Demokratisierung.”

Und in Zukunft soll dieser Prozess auch schön dargestellt werden: Die Wissenschaftler wollen die Entwicklung der Twitter-Sphäre weiter beobachten und grafisch darstellen. Die bunten Nebelgalaxien würden also beginnen, sich zu bewegen – was bestimmt auch wieder faszinierend aussehen würde. “Es würde nicht nur faszinierend aussehen, sondern würde auch bestimmt interessante Erkenntnisse liefern”, sagt Maireder. Waldheim fügt lachend hinzu: “Stimmt. Aber man muss die Ergebnisse ja auch irgendwie vermarkten.”

Eine gekürzte Version des Artikels ist auf EurActiv.de erschienen.

Berlusconi – der Horst Seehofer unter Europas Konservativen

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„Für die Deutschen haben Konzentrationslager nie existiert“? Wirklich? Hat Berlusconi das echt gesagt? Ja, hat er. Alle, die Italienisch können, können sich hier das Original-Video anschauen (ich kann’s nicht, aber das Video oben scheint da eindeutig zu sein, und selbst die italienische Zeitung La Repubblica berichtet entsprechend).

„Na und?“, könnten nun viele denken. „Ist halt Bunga-Bunga-Berlusconi, was soll’s?“ Allerdings ist Berlusconis Partei Forza Italia Mitglied der Konservativen Fraktion im Europaparlament, der EVP (Europäische Volkspartei), da, wo auch Angela Merkels CDU drin ist. Und was sagt Mutti Merkel dazu? Keinmal dürft ihr raten. Es ist ja offensichtlich, dass die Antwort Nichts ist.

19 Stunden, nachdem die Nachricht bei spiegel.de online ging, hält sich Teflon-Merkel immer noch schön raus und hofft wohl mal wieder, dass das alles einfach vorübergeht. Das ist ungefähr so, als wenn CSU-Chef Horst Seehofer sagen würde “ Für Ostdeutsche hat es den Stasi-Terror nie gegeben“, und die CDU – mit einer Ostdeutschen an der Spitze – nix dagegen sagt.*

Auf Bundesebene wäre das ein Skandal, auf Europa-Ebene geht das alles mit dem Spruch „Ist halt der Berlusconi“ unter. Aber es ist eben nicht nur „der Berlusconi“, er ist ein immer noch wichtiger Teil der Forza Italia, einer Partei, die im Europäischen Parlament zusammen mit der CDU arbeitet. Wenn sich Merkel nicht dazu äußert, dann akzeptiert jeder, der Ende Mai sein Kreuz bei der CDU macht, dass „der Berlusconi“ Deutschen unterstellen darf, sie würden den Holocaust leugnen.

*Politisch gesehen liegen zwischen Berlusconi, der auch gerne mal Mussolini lobt, und Seehofer regelrecht(e) Welten, aber die Mechanik ist ähnlich: Ein Mann, der sich als Landesvater geriert und auf andere draufkloppt, um sein Profil zu schärfen, und trotzdem in einer Konservativen Koalition geduldet wird, weil diese halt nicht auf die Stimmen verzichten will.

In einer früheren Version des Artikels lautete der letzte Satz „In Deutschland könnte man dafür in den Knast kommen“ und sollte lediglich eine Überspitzung sein, hat aber wohl eher für Verwirrung geführt. Deswegen hab ich ihn gestrichen.

Wahlempfehlungen aus dem Netz

Nachdem ich vor einigen Tagen meine eigene Wahlempfehlung abgegeben habe, ziehen jetzt auch andere Blogger und Medien nach*. Darunter finden sich interessante Aspekte. Die haben mich selbst zwar nicht ungestimmt, aber als Journalist soll man sich ja auch die Gegenseite anhören und versuchen sie zu verstehen. Hier folgt nun also eine Linksammlung zu diversen Wahlempfehlungen, die ich für interssant erachte:

Politik-Experte Michael H. Spreng erklärt auf Sprengsatz.de, warum er die „FDP mit Bauchschmerzen“ wählt.

Spiegelfechter Jens Berger wählt die einzige Partei, die in ihrem Programm seine Kernthemen befriedigend behandelt: Die Linken

Die Financial Times Deutschland führt ihren Plan „Grün für Merkel“ aus, gibt aber zu, dass er sehr unwahrscheinlich zu verwirklichen ist.

Und Die Welt findet sich unheimlich witzig.

Der Vollständigkeit halber: Meine eigenen Gedanken zur Wahl auf Einstieg.com-Kolumne

* Für alle, die nun lauthals ob meiner Eitelkeit auflachen: Das ist natürlich nicht ernst gemeint.