Warum die EU so wenig Freunde hat

Über die ineffektive Öffentlichkeitsarbeit der Europäischen Union

1 Einleitung

Unter einer Brücke zwischen dem Besuchercenter der Europäischen Kommission und der Haltestelle Maelbeek hat jemand unter eine Brücke in Brüssel in großen schwarzen Lettern gesprüht: „Ey, Eurocrates, va chier“. Wörtlich übersetzt: „Ey, Eurocrat, geh‘ scheißen“. Sinngemäß übersetzt: „Verpiss dich“.

Dieser Satz drückt das aus, was sich in ganz Europa geziemt: das Schimpfen auf die Europäische Union mit ihrem scheinbar riesengroßen Bürokratie-Apparat. Dass dieser Apparat im Verhältnis zu nationalen Verwaltungen relativ klein ist[1], interessiert nicht; auch nicht, dass Europa dank dieses Apparats enger zusammengewachsen ist, als jemals zuvor. Auch wenn es bestimmt auch hier Menschen gibt, die dem widersprechen würden.

Die EU hat ein schlechtes Bild in der Öffentlichkeit. Ein richtig schlechtes. Daran sind natürlich auch die Medien schuld, und auch die Bürger, die sich nicht sonderlich für Politik auf Europaebene interessieren. Doch ich habe mich immer gefragt: Warum tut die EU nichts dagegen? Oder: Wenn sie etwas tut, warum hilft es nicht?

Ich habe als Journalist schon mehrmals mit der EU zu tun gehabt, zwei Ereignisse werden mir aber immer in Erinnerung bleiben.

Das erste Mal habe ich für meine Lokalzeitung einen Text darüber geschrieben, wie wegen einer bestimmten EU-Richtlinie eine „Freizeiteinrichtung mit Leuchtturmcharakter“ in meiner Region nicht verwirklicht werden konnte. Ich telefonierte mit dem Projektleiter, der Gemeinde, des Landkreises, aber nicht mit der EU. Am Ende titelte ich: „EU-Richtlinie zerstört Traum von Tourismus“[2]. Es war das erste Mal, dass ich – damals 21 Jahre alt – irgendwie mit der Union in Berührung gekommen bin. Und wenn ich heute darauf zurückblicke, so dient der Text als perfektes Beispiel dafür, wie in Regionalzeitungen mit Europa-Themen umgegangen wird. Motto: „Wir gegen die in Brüssel.“

Im Jahr 2011, rund fünf Jahre später, absolvierte ich ein Praktikum bei Spiegel Online und wurde dazu beauftragt, einen Artikel über eine „Provinzposse“ zu schreiben. Es ging wieder um EU-Richtlinien[3]. Doch diese Mal rief ich bei der EU an. Und so etwas hatte ich bislang nicht erlebt: Die Öffentlichkeitsarbeit war unheimlich miserabel. Mehrere Male musste ich hinterher telefonieren, bis sich etwas bewegte. Und dann bekam ich eine Mail mit einer EU-Richtlinie, die ich dann selbst nach dem entsprechenden Absatz durchsuchen konnte. Keine Stellungnahme, kein Experte, nur eine unfreundliche Pressesprecherin, die am Telefon einfach nur genervt klang.

Am Ende schrieb ich den Bericht möglichst ausgewogen, aber sehr trocken. Ein Redakteur redigierte, machte ihn lebendiger, spitzte – im Nachhinein betrachtet – es meiner Ansicht nach ein wenig zu sehr zu[4]. Ich war nicht zufrieden damit, doch viel mehr hat mich schockiert, dass selbst die Öffentlichkeitsarbeit von lokalen Politikern besser war als die der EU.

Ich kam zu dem Schluss, dass nicht nur die Medien unfair mit der EU umgingen, sondern auch, dass die EU daran eine große Mitschuld trägt. Meine These: Die Hauptursache liegt in der Kommunikationspolitik der Europäischen Union; nicht nur, dass sie Menschen nicht begeistern kann, nein, sie schrickt sogar Leute ab, die eigentlich positiv gegenüber ihr eingestellt sind. Und genau das sollte sich auf der Brüssel-Exkursion bestätigen, die ich mit meinem Master-Studiengang unternahm.

2 Die Kommission

Die erste Station war die EU Kommission: Insa Schultze stellte die Energiepolitik der EU vor. Oder besser: Sie stellte die Power-Point-Präsentation der Energiepolitik der EU vor. Denn sie selbst war erst seit diesem Jahr in der Öffentlichkeitsarbeit für die Generaldirektion Energie tätig – und deswegen, wie sie selbst zugab, keine Expertin. Entsprechend dürftig fielen ihre Antworten auf Nachfragen aus, die ins Detail gingen.

Schultze: „Momentan braucht man über zehn Jahre für ein Planfeststellungverfahren. Das ist der EU zu lang. Die Kommission will das auf drei Jahre straffen.“ Und wie? „Mit entsprechenden Maßnahmen, die von der Kommission ausgearbeitet werden.“ Und welche sind das? „Das kann ich nicht sagen, wie gesagt: Ich bin noch nicht so lange in der Generaldirektion.“

Nun könnte das natürlich nur ein Einzelfall sein. Doch es ist keiner. Michael Brüggemann stellt in seiner wissenschaftlichen Studie „Europäische Öffentlichkeit durch Öffentlichkeitsarbeit? Die Informationspolitik der Europäischen Kommission“[5] fest, dass sich „das Personalkarussell der Kommissionsbeamten ständig dreht“[6] : „Wer erst für die Verwaltung von Landwirtschaftsfonds zuständig ist, wird für einige Jahre Sprecher einer Vertretung der Kommission, um sich später um den Außenhandel der EU zu kümmern. Damit wird das fehlende institutionelle Gedächtnis zum Problem, das Lernprozesse behindert.“[7]

Auch die anderen Referenten der Exkursion erzählten uns nicht nur von dem andauernden Wechsel zwischen den Direktionen und Institutionen, sondern auch, dass sie selbst schon oft in Brüssel umgesattelt haben.

Nach Insa Schultze betrat Ross Church den Raum, ein noch sehr junger Beamter der ebenfalls sehr jungen Institution „European Union External Action Service“ (EEAS), die für die Außenpolitik der EU zuständig ist, mit der Hohen Vertreterin der Union für Außen- und Sicherheitspolitik an der Spitze: Catherine Ashton (quasi die Außenministerin der EU).

Ross Church war zum einen ein gutes Beispiel dafür, wie schwierig sich Außenpolitik gestaltet, wenn 27 Länder mitzureden haben: Er konnte kaum echte Statements treffen, weil es für echte Statements einfach keinen Konsens in der EU gibt. Ab und an drehte er seinen Ausweis, den er um seinen Hals trug, auf die andere Seite, um erkenntlich zu machen: „Jetzt spreche ich persönlich und nicht für die EU.“

Das deckt sich mit Berichten über die Öffentlichkeitsarbeit der Union: Ein Beitrag des Medienmagazins Zapp[8] zeigt deutlich, dass über die offiziellen Kanäle der EU wenig Substantielles kommuniziert wird. Nur informell kommen Journalisten an Informationen. Jean-Jacues Nével von der italienischen Zeitung „Le Figaro“ kommentiert das in dem Beitrag so: „Wenn es hier eine Stimme für Europa gäbe, die richtige, treffende, hintergründige und gescheite Antworten geben würde, dann könnten die Zeitungen in den jeweiligen Ländern auch keine Lügen verbreiten. Das Problem ist: Wenn von Brüssel nichts kommt, dann interpretieren alle eben eifrig und interpretieren die Lücke für ihre Leser, für ihre politische Klientel.“[9] Amadeu Altpas, Pressesprecher der EU-Kommission, kennt die Vorwürfe. Seine Ansicht: „Es gibt immer eine gewisse Frustration bei den Journalisten. Aber wir können mit dieser Frustration sehr gut leben.“[10]

Diese Einstellung zur Öffentlichkeitsarbeit drückt sich gerade auch in der Chefin von Ross Church aus, der Hohen Vertreterin Catherine Ashton. „Cathy“ – wie sie von Church genannt wird – mache einen guten Job. Frage: Warum liest man darüber nichts? Antwort: Das stimme nicht, „Cathy“ habe ein „high profile“ und sei sehr oft in der Presse. Sie gehe ihre Arbeit eben mit einem „technocratic approach“ an und verzichte auf große populäre Aktionen. „She serves the citizens well“, aber dafür müsse sie ja nicht ständig auf sich aufmerksam machen.

Michael Brüggemann hat dies in seiner Studie auf den Punkt gebracht. Er schreibt: „Die PR [Public Relations / Öffentlichkeitsarbeit] ist politisch korrekt, aber wirkungslos. Dies ist kein Befund, der normativ zufrieden stellen könnte. Es ist der Befund eines kommunikativen Scheiterns.“[11]

Wie er dazu kommt? Brüggemann hat die Öffentlichkeitsarbeit der Kommission in drei Kriterienkatalogen untersucht: „Demokratie“, „Europa“, „Effektivität“. Er hält fest, dass die Institution wirklich mit aller Macht versucht, für Transparenz und Differenziertheit einzutreten, eben jener „technocratic approach“, für den Catherine Ashton steht. Allerdings, so Brüggemann, mangele es der Kommission an Effektivität: Es gebe nicht genügend Ressourcen, keine übergreifende Strategie, es wird nicht ausreichend evaluiert, innere Strukturen blockieren sich gegenseitig, die Reichweite der Aktionen ist zu gering und noch vieles mehr.[12]

Diese geringe Effektivität findet ihre Ursachen natürlich auch in allerlei Vorgaben und übergeordneten strukturellen Problemen: Die knappen Ressourcen für die Öffentlichkeitsarbeit werden von den Mitgliedsstaaten so festgelegt, ebenso wie gewisse strategische Oberziele[13]. Es wäre gar zu vermuten, dass Mitgliedstaaten kein Interesse an einer starken Öffentlichkeitsarbeit der Europäischen Union haben, da gerade in den vergangen Jahren die EU gerne als Sündenbock herangezogen wurde; als übergeordnetes Bürokratie-Monster, gegen das sich vor allem lokale und regionale Politiker entgegenstemmen. In der Literatur wird dies als „scapegoating“ bezeichnet – die empirischen Belege dafür sind aber nicht eindeutig.[14]

Andererseits – so war zumindest mein Eindruck nach dem ersten Tag – sind die EU-Beamten zwar alle hochqualifiziert, aber auch eben „typische“ Beamte[15]. Es stimmt wohl: Sie sind rhetorisch geschult, können präsentieren und beweisen wohl auch diplomatisches Geschick, doch ihnen fehlt – so mein Eindruck – eine starke Persönlichkeit, ein Charakter – also etwas, das für Aufmerksamkeit sorgen könnte. Nur: Es wäre falsch, das von Öffentlichkeitsarbeitern zu verlangen. Dafür sind Politiker zuständig. Politiker wie Jo Leinen.

3 Das Parlamant

Jo Leinen ist EU-Parlamentarier und kam zu seinem Vortrag rund eine Dreiviertelstunde zu spät. Als er schließlich das Podium betrat und zu reden begann, vibrierte sein Smartphone ständig und er beantwortete die Nachrichten, während ihm Fragen von uns gestellt wurden – oder er unterbrach sich selbst in seiner Rede. Er sprach mit den Anwesenden, doch es schien so, als ob er seine alltäglichen Parolen in einen leeren Raum hineinsprach. Er wirkte nicht unfreundlich. Aber abwesend.

Er redete über Energiepolitik, dann über die Eurokrise und schweifte dann noch einmal ab zur Außenpolitik. Antworten auf Nachfragen führte er weit aus, umschiffte mit politischer Genauigkeit kritische Stellen – und dann verabschiedete er sich auch schon wieder.

So kam es mir zumindest vor. Einen bleibenden Eindruck hat er nicht hinterlassen. Dafür aber seine Mitarbeiterin.

Die ehemalige ECUE-Studentin ist – das kann man wohl so sagen – Leinens „Mädchen für alles“. Und „Mädchen für alles“ heißt wirklich „Mädchen für alles“: Sie schreibt Berichte, recherchiert schnell zu Themen, koordiniert Termine und ist immer und überall erreichbar. Sie wirkte auf mich sympathisch und freundlich, aber gleichzeitig gehetzt und unruhig; um es überspitzt zu sagen: eine Burn-Out-Kandidatin. Sie erzählte von der hohen Arbeitsbelastung, von 10- bis 12-Stunden-Tagen und Nachtschichten. Und dass das hier in Brüssel ganz normal sei.

Trotzdem liest oder hört man in den Medien kaum etwas vom EU-Parlament: Es sind überwiegend nationale Regierungen, die in Qualitätsmedien auftauchen, wenn es um EU-Politik geht.[16] In nationalen Kontexten betragen die Wortbeiträge der Regierung rund 25 Prozent, bei EU-Debatten sind es hingegen etwa 45 Prozent. „Quellen der Kritik an Regierungspolitik wie die Opposition, die Zivilgesellschaft, Experten, Intellektuelle und einfache Bürger kommen bei Europathemen seltener zu Wort als bei anderen Themen“[17], schreiben Europa-Wissenschaftler in einem aktuellen Aufsatz.

Die EU-Institutionen sind hingegen in der Berichterstattung nur Referenzpunkte.[18] Dies liegt zum einen wohl auch an der beschriebenen unzulänglichen Medienarbeit, zum anderen aber auch an der fehlenden politischen Prominenz.

Brüggemann hat in seiner „Öffentlichkeitsarbeit“-Studie untersucht, wie das Projekt der EU-Erweiterung in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Einer der Erkenntnisse: In Deutschland war das Thema deutlich häufiger mit der EU verknüpft als in Frankreich. Der Grund dafür ist ein Name: Günter Verheugen. Der deutsche SPD-Politiker war unter Kommissionspräsident Romano Prodi für genau jenes Thema zuständig, und der erfahrene Bundespolitiker wusste, wie man Aufmerksamkeit schafft[19].

Im Gegensatz dazu strahlt das EU-Parlament wenig politische Prominenz aus: Dass momentan ein Deutscher – nämlich der SPD-Politiker Martin Schulz – der Präsident des Parlaments ist, war selbst vielen ECUE-Studenten (darunter auch ich) nicht bewusst.

Daher stelle ich mich vehement gegen jede Behauptung, die dafür eintritt, dass eine Stärkung des Parlaments – in welcher Form auch immer – zu mehr Öffentlichkeit führen würde.[20]

Ein Ansatz, den ich auch vertrete, formulierte der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer (Grüne) auf der Berliner Konferenz „New Economic Thinking“, an der auch ich teilnahm, in einem kleinen Kreis: Er erklärte, dass die nationalen Minister und Regierungsoberhäupter in einem gemeinsamen offenen Forum miteinander diskutieren müssten. Anders ausgedrückt: Nicht im EU-Parlament muss mehr gestritten werden, sondern im (Minister-)Rat der Europäischen Union: Denn hier sitzen die politischen nationalen Schwergewichte, die zum einen bekannt sind und zweitens ihr Handwerk verstehen – sonst wären sie nicht in der Position.

Dadurch entstände kein parteipolitischer Diskurs, sondern ein Diskurs zwischen Nationen, wie er momentan oft bei den Gipfeltreffen zur Euro-Krise des Europäischen Rates zu sehen ist. Diese Medien-Events führen schon jetzt zu einer „‘zyklischen‘ Sichtbarkeit der EU als politischer Institution“[21] – und genau diese Chance für eine europäische Öffentlichkeit gilt es zu begreifen und zu nutzen.

Da kann Jo Leinen – das muss ich so zuspitzt sagen – noch so viele Pressemitteilungen verschicken, an die Prominenz eines nationalen Ministers kommt er so leicht nicht heran. Auch wenn die Mitarbeiterin von Jo Leinen noch so viel arbeitet: Die Zukunft des Diskurses in Europa liegt meiner Ansicht nach nicht im Parlament, sondern im Rat der Europäischen Union.

Und dieses Organ war unser nächstes Ziel.

4 Rat der Europäischen Union und EWSA

Ähnlich wie die Vorträge zuvor blieb es auch im Rat der Europäischen Union sehr oberflächlich. Allerdings war es interessant zu sehen, in welchen Räumlichkeiten miteinander diskutiert wird: 27 Länder plus Institutionen sprechen da miteinander, die Positionen ihrer Vertreter wechseln sich ständig. Und: Koalitionen zwischen den Parteien wechseln von Thema zu Thema, von Tag zu Tag. Diese Konstellation verhindert einen klar definierten Narrativ (ein Lager gegen das andere), was es gerade für um Simplifizierung bemühte Journalisten schwierig macht.

Dennoch hat der Rat mit seinen nationalen Ministern meiner Ansicht nach das größte Potential eine große Aufmerksamkeit für die Europäische Union zu schaffen – sofern es um Themen geht, die von größerer Bedeutung für Nationen sind und sich nicht in technokratischem Klein-Klein verlieren. Wobei es schwierig ist zu sagen, ob das nicht schon lang der Fall ist. Bei diesem Thema könnte eine Institution von Bedeutung sein, die ich vor der Exkursion noch gar nicht auf dem Zettel hatte: der Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA).

 

Mittlerweile ist der EWSA ein beratendes Organ der EU, es steht aber nicht so stark inmitten des Bürokratie-Frameworks wie die anderen Institutionen. Das macht den EWSA prädestiniert für klare Aussagen: Denn seine Mitglieder sind die verschiedensten Lobby-Gruppen Europas, die auf sich aufmerksam machen wollen und auch müssen. Doch wie ich am Vortrag von Ana Dumitrache herausgehört habe, sind die Ressourcen knapp: Gerade Non-Profit-NGOs greifen oft auf eine Schar Praktikanten und nicht auf professionell ausgebildete PR-Profis zurück.

Das ist problematisch, denn gerade Lobby-Gruppen sind es, die neben der Politik Themen auf die Agenda setzen können (Agenda-Setting). Diverse Inhaltsanalysen haben ergeben, dass mehr als rund 60 Prozent journalistischer Recherche auf PR-Quellen zurückzuführen sind – was jedoch nicht bedeutet, dass diese Quellen einfach nur unkritisch übernommen wurden.[22]

NGOs und Lobbygruppen können hier mit guter Medienarbeit Streit und Diskurs schaffen – wichtige Voraussetzungen für eine Berichterstattung – und auch Informationen bereithalten, die ansonsten in der EU wohl eher unter Verschluss gehalten werden.

5 Fazit

Die Europäische Union besitzt extrem viele Experten, die sich mit allerlei Themen bis ins kleinste Detail auseinandersetzen: Selbst zu Fischwanderungen im Hafen von Amsterdam gibt es Fachmänner und -frauen, die alles darüber wissen, dokumentieren und am Ende auch regeln[23]. Das ist eigentlich faszinierend: Da sind Menschen, die sich mit der Materie auskennen, sich ganz rational und wissenschaftlich damit beschäftigen und auf diese Weise höchstwahrscheinlich einen sinnvollen Kompromiss erzielen. Doch das ist nicht das, was die allgemeine Öffentlichkeit in der EU sieht.

Und ich denke, ich lag mit meiner anfangs geäußerten Vermutung richtig: Das schlechte Image der EU ist nicht nur ein stereotypisierter, klischeebehafteter und vielleicht auch undifferenzierter Journalismus, sondern auch ein Versagen der Öffentlichkeitsarbeit der Europäischen Union.

Immer wieder höre ich von EU-philen Menschen, dass Journalisten doch viel mehr für die positiven Seiten des Projekts Europa werben sollten. Das jedoch beißt sich mit der angestrebten Unabhängigkeit meines Berufs. Genauso wie Überlegungen, ein EU-finanziertes europäisches Medium aufzubauen. Die EU selbst ist ein Akteur wie jeder andere und ist selbst für seine gute oder schlechte Presse verantwortlich. Zwar beteuert die Kommission in ihrem Weißbuch zur Kommunikationspolitik von 2006 Verbesserungen[24], aber Brüggemanns Untersuchungen[25] als auch meine subjektive Wahrnehmung stellen keine signifikante Veränderung fest.[26]

Brüggemann beschreibt die Öffentlichkeitsarbeit der EU als „Informationspolitik mit angezogener Handbremse“[27] – und genau das Gefühl habe ich auch während der Exkursion als auch bei der Vorrecherche auf den vielen uneinheitlichen und meist extrem unübersichtlichen Internetseiten der Union gehabt: Es stehen zwar viele Informationen zur Verfügung, doch sie sind aus kommunikationstechnischer Perspektive miserabel aufbereitet. Zu bürokratisch, zu nichtssagend, zu ausschweifend. Es fehlt Prägnanz, Zuspitzung und ja: auch Emotionen.[28]

Dass sich daran in Zukunft etwas ändert, halte ich für eher unwahrscheinlich. Zu lange dauern die Prozesse, um etwas umzusetzen, in zu engen bürokratischen Korsetten stecken die Mitarbeiter, dass sich schnell und effektiv etwas bewegen lässt.

Meine Hoffnung liegt daher auf den nationalen Politikern, die mehr und mehr Kompetenzen an Brüssel verlieren und sich dagegen wehren. Doch statt nur zu schimpfen, wäre es sinnvoll, nicht auf die EU zu schimpfen, sondern auf andere Mitgliedsstaaten. Denn ein Streit mit der EU hat der schon gewonnen, der ihn beginnt, zu handlungsunfähig ist die Kommunikationspolitik der Institution. Im Gegensatz dazu sind Diskussionen mit anderen Nationen aus der Perspektive der Medien und der daraus resultierenden Öffentlichkeit äußerst fruchtbar. Das extremste Beispiel hierfür ist sicherlich die Kampagne der „Bild“ („Verkauft doch Eure Inseln, Ihr Pleite-Griechen“).

Unterstützer der europäischen Idee würden hier wahrscheinlich einwenden, dass ein Streit zwischen den Nationen den „Vereinigten Staaten von Europa“ zuwiderlaufen würde, dass sich so eine europäische Identität nicht herausbilden könne.

Dieses Denken geht meiner Ansicht nach in die falsche Richtung. Zum einen ist Europa nicht die USA. Zum anderen heißt das Motto der EU zwar „In Vielfalt geeint“, ich halte aber „Trotz Vielfalt geeint“ für passender. Im Gegensatz zu den jungen Vereinigten Staaten ist das uralte Europa im Dauer-Streit und Dauer-Krieg zwischen den Ländern aufgewachsen, wohingegen die USA sich recht schnell im Unabhängigkeitskrieg vereint haben. Die Identität Europas ist der immerwährende Streit zwischen den Nationen, der nun nur nicht mehr Waffen, sondern mit Worten ausgefochten wird. Jeder Europäer kann sich damit identifizieren, dass Europa eben nicht eins ist, sondern vieles, und dass Europa ein immerwährender Prozess ist. Es geht nicht darum, Europa eine künstliche Identität überzustülpen, sondern dazu zu stehen, was Europa eben ausmacht: ein immerwährender Diskurs zwischen tausenden von Stimmen.

Die EU muss deswegen kein eigener Akteur auf der politischen Bühne sein, sie muss auf andere nationale Akteure verweisen. Wenn wieder auf eine Richtlinie geschimpft wird, dann sollte die EU auf die Nationen zeigen, die diese Richtlinien angeschoben und durchgesetzt haben und so den Diskurs auf die transnationale Ebene bringen.

Das geht natürlich nur mit einer Professionalisierung der Öffentlichkeitsarbeit mit qualifizierten PR-Profis. Und auch nur mit Politikern, die bereit sind, diesen Schritt zu gehen und den Streit hinter den Kulissen auf die Bühne zu bringen.[29]

Die Eurokrise rüttelt an dieser Oberflächlichkeit der Diplomatie: Nicolas Sarkozy ruft David Cameron zu, die Klappe zu halten[30], und Karikaturen von Merkel in Nazi-Uniform in ausländischen Boulevard-Zeitungen deuten von ersten Anzeichen eines medial-transnationalen Streits. Wenn dieser Streit sich auch in weniger polarisierenden Medien und Diskursen überträgt, wird das politische Europa mehr ins Bewusstsein der Menschen rücken – und nicht nur seine Verwaltung. Und wenn diese Zeit gekommen ist, dann rufen vielleicht sogar junge Lokaljournalisten mal bei der EU an.

 

Literaturverzeichnis

BRÜGGEMANN, Michael: Europäische Öffentlichkeit durch Öffentlichkeitsarbeit? Die Informationspolitik der Europäischen Kommission. Wiesbaden, 2008

 

BRÜGGEMANN, Michael / HEPP, Andreas / KLEINEN-VON KÖNIGSLÖW, Katharina / WESSLER, Hartmut: Transnationale Öffentlichkeit in Europa: Forschungsstand und Perspektiven. In: Publizistik. 2009, 54, S. 391 – 414

 

MEIER, Klaus: Journalistik. Konstanz, 2007

 

PETER, J. / DE VREESE, C. H.: In search of Europe: A cross-national comparative study of the Europen Union in national television news. In: The Harvard International Journal of Press/Politics. 2004, 9 (4), S. 3-24

 

WESSLER, H.: Politische Öffentlichkeit jenseits des Nationalstaats. In: JARREN, O. / LACHENMEIER, D. / STEINER, A. (Hrsg.): Entgrenzte Demokratie? Herausforderungen für die politische Kommunikation. Baden-Baden, 2007

 

WESSLER, H. / PETERS, B. / Brüggemann, M. / KLEINEN-V. KÖNIGSLOW, K. / SIFFT, S.: Transnationalization of public spheres. Basingstoke, 2008

 

Weitere Quellen:

 

KURZ, Julie / VON DER DECKEN, Ada: Abgeschirmte Infos. Journalisten in Brüssel. Hamburg (ZAPP – das Medienmagazin), 2011. Video-Link: http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/medien_politik_wirtschaft/bruessel117.html (Stand: 29.08.2012, 17:40 Uhr)


[2] s. Anhang

[3] Ein kleines Dorf nahe Leipzig hatte ein großes Feld voller Weinreben angebaut. Doch nach einer EU-Richtlinie ist ein Anbau in dieser Größenordnung ohne Genehmigung verboten. Daraufhin musste die Gemeinde das Feld roden und eine Strafe zahlen. Allerdings hatten die Hobbywinzer eine Idee: Sie meldeten einfach lauter kleine Weinreben-Parzellen zum Eigengebrauch an und pflanzten die Weinreben erneut – an dieselbe Stelle, dieselbe Menge. Nur dieses Mal war es eben nicht ein großer Weinberg, sondern ganz viele kleine. Und damit legal.

[5] BRÜGGEMANN, Michael: Europäische Öffentlichkeit durch Öffentlichkeitsarbeit? Die Informationspolitik der Europäischen Kommission. Wiesbaden, 2008

[6] ebd., S. 286

[7] ebd.

[8] KURZ, Julie / VON DER DECKEN, Ada: Abgeschirmte Infos. Journalisten in Brüssel. Hamburg (ZAPP – das Medienmagazin), 2011. Video-Link: http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/medien_politik_wirtschaft/bruessel117.html (Stand: 29.08.2012, 17:40 Uhr)

[9] ebd., ab Minute 2:48

[10] ebd., ab Minute 6:21

[11] BRÜGGEMANN, a.a.O., S. 279

[12] vgl. ebd., S. 274ff

[13] vgl. ebd., S. 280ff

[14]vgl. BRÜGGEMANN, Michael / HEPP, Andreas / KLEINEN-VON KÖNIGSLÖW, Katharina / WESSLER, Hartmut: Transnationale Öffentlichkeit in Europa: Forschungsstand und Perspektiven. In: Publizistik. 2009, 54, S. 398

[15] Ein gutes Beispiel dafür war auch der Besuch der Ständigen Vertretung Deutschlands, die an Langeweile nicht zu überbieten war.

[16] vgl. WESSLER, H. / PETERS, B. / Brüggemann, M. / KLEINEN-V. KÖNIGSLOW, K. / SIFFT, S.: Transnationalization of public spheres. Basingstoke, 2008

[17] vgl. WESSLER, H.: Politische Öffentlichkeit jenseits des Nationalstaats. In: JARREN, O. / LACHENMEIER, D. / STEINER, A. (Hrsg.): Entgrenzte Demokratie? Herausforderungen für die politische Kommunikation. Baden-Baden, 2007; zitiert nach: BRÜGGEMANN: Transnationale Öffentlichkeit in Europa: Forschungsstand und Perspektiven. S. 398

[18] vgl. BRÜGGEMANN: Transnationale Öffentlichkeit in Europa: Forschungsstand und Perspektiven. S. 399

[19] vgl. BRÜGGEMANN: Europäische Öffentlichkeit durch Öffentlichkeitsarbeit? S. 276f

[20] vgl. dazu zum Beispiel: THALMEIER, Bettina: Möglichkeiten und Grenzen einer europäischen Identitätspolitik, CAP-Analyse. Bertelsmann Forschungsgruppe Politik, 2006.

[21] vgl. PETER, J. / DE VREESE, C. H.: In search of Europe: A cross-national comparative study of the Europen Union in national television news. In: The Harvard International Journal of Press/Politics. 2004, 9 (4), S. 16; zitiert nach: BRÜGGEMANN: Transnationale Öffentlichkeit in Europa: Forschungsstand und Perspektiven. S. 404

[22] vgl. MEIER, Klaus: Journalistik. Konstanz, 2007, 198f

[23] Ein Beispiel der Mitarbeiterin von Jo Leinen

[24] EUROPÄISCHE KOMMISSION: Weißbuch über eine europäische Kommunikationspolitik. Brüssel, 2006. URL: http://europa.eu/documents/comm/white_papers/pdf/com2006_35_de.pdf (Stand: 29.08.2012, 16:46 Uhr)

[25] BRÜGGEMANN: Europäische Öffentlichkeit durch Öffentlichkeitsarbeit? S.

[26] Symptomatisch dafür ist der Artikel auf Spiegel Online über die Privilegien der EU-Bürokraten: http://www.spiegel.de/politik/ausland/eu-beamte-muessen-auch-in-der-schuldenkrise-nicht-sparen-a-847459.html (Stand: 29.08.2012, 16:48 Uhr)

[27] BRÜGGEMANN: Europäische Öffentlichkeit durch Öffentlichkeitsarbeit? , a.a.O., S. 281

[28] vgl. ebd., S. 277f

[29] Ansatzweise zu sehen ist der wirkliche Streit in dem Film „Alles Banditen! – Wenn Europas Politiker unter sich sind“ Link: http://www.youtube.com/watch?v=IDLpT7jx4wM (Stand: 29.08.2012)

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