Rechtsextremismus in Computerspielen

Rechtsextreme PC-Spiele

Türken vergasen, Schwarze erschießen und die Machtergreifung der Juden verhindern – das sind die Inhalte, mit denen man in rechtsextremen Computerspielen konfrontiert wird. Ihr Zweck: Propaganda. In den 80er Jahren entwickelten Rechtsextreme einfache Spiele mit rassistischen Inhalten und verteilten sie auf Schulhöfen. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften verbot die Spiele und ließ sie beschlagnahmen. Doch noch heute sind sie im Internet auf ausländischen Seiten verfügbar – um diese zu finden, muss man nur eine nicht-deutsche Suchmaschine verwenden; die Suchmaschine Google listet die Seiten nicht auf[1].

Alle Spiele haben eines gemeinsam: Sie sind von sehr niedriger Qualität. Der vielleicht bekannteste ihrer Vertreter ist der KZ Manager[2]. Das Ziel des Spiels: 30.000 Türken vergasen. Die Bedienungsoberfläche ist sehr einfach gestrickt: Über einem extrem pixeligen Bild befindet sich ein Windows-Fenster mit Schaltflächen wie „Türken jagen“, „Gas kaufen“ oder „Türken ins Arbeitslager schicken“. Die Aktionen werden grafisch nicht veranschaulicht, alles was man sieht, sind Zahlen und Status-Balken. Man braucht keine Strategie, um das Spielziel zu erreichen. So ist es etwa vollkommen egal, ob man einen oder 100 Türken ins Arbeitslager schickt – das Geld, das dadurch erwirtschaftet wird, wird stets zufällig errechnet. Um den KZ Manager durchzuspielen braucht man nur eines: Ausdauer. Nach wenigen Sekunden hat man sämtliche Optionen des Spiels entdeckt – danach muss man immer wieder die gleichen Abläufe wiederholen. Nach drei Minuten hat man etwa um die 100 Türken vergast. Für 30.000 Türken benötigt man also etwa 15 Stunden – eine Speicherfunktion gibt es nicht.

Ein weiteres recht bekanntes Spiel ist der Anti-Türkentest. Hier muss man Fragen beantworten, um eine hohe Punktzahl zu erreichen. So lautet eine Frage „Woran erkennt man Türken?“. Die erwünschte Antwort ist „Am faulen Geruch.“ Die „richtige“ Antwort auf die Frage „Wo findet man Türken?“ ist „In der Mülltonne ganz unten.“

Das dritte hier exemplarisch vorgestellte Spiel mit rechtsextremem Hintergrund ist Shoot the Niggas. Es funktioniert ähnlich wie Moorhuhn: Auf einer zweidimensionalen Landschaft in quietschbunter Kinder-Grafik erscheinen hinter Büschen oder Bäumen Menschen mit schwarzer Hautfarbe. Per Mausklick erschießt man diese in einer bestimmten Zeit, um in das nächste Level zu gelangen. Am Anfang sind die Ziele noch wehrlos, später feuern sie mit Maschinengewehren auf den Spieler. Der spielerische Anspruch ist auch hier sehr gering – jeder einigermaßen versierte PC-Spieler hat die fünf Level in wenigen Minuten absolviert.

Andere – ähnlich simpel gestrickte – rechtsextreme Computerspiele tragen Titel wie Hitler Diktator oder Die Hitler Show und sind von ähnlich niedriger Qualität. Jeder mit rudimentären Programmierkenntnissen kann solche Spiele innerhalb von ein oder zwei Tagen selbst erstellen.

Anders sieht es beim Spiel Ethnic Cleansing (übersetzt: Ethnische Säuberung) und seinem Nachfolger White Law (Weißes Gesetz)aus. Beides sind Ego-Shooter mit 3D-Grafik, die in den USA von der Spielefirma Resistance Records entwickelt wurden. Das Spielziel von Ethnic Cleansing ist, sogenannte „Unter-Menschen“ zu töten: Menschen mit schwarzer Hautfarbe, Latinos sowie ihre „jüdischen Herren“.[3] Der Spieler kann wählen, ob er in einer Kuckusklan-Robe oder als Skinhead auftreten möchte – für den weiteren Verlauf hat das keine Auswirkungen, da man in der Ich-Perspektive spielt. Mit einem Gewehr erschießt man im ersten Level Mexikaner und Afro-Amerikaner – wenn letztere sterben, tönt Affengeschrei aus den Boxen. Im zweiten Level dringt man in das geheime Hauptquartier der Juden ein. Die Gegner hier tragen die für orthodoxe Juden typischen Hüte und Mäntel, an den Wänden hängen Pläne zur Welteroberung. Der Endgegner ist ein breiter Mann im Anzug, der ein Gatling-Maschinengewehr in den Händen hält und besonders viele Treffer aushalten kann.

Im Hintergrund läuft ein rechtsextremes Musikstück, das aber nach einmaligen Abspielen nicht wiederholt wird. Die 3D-Grafik ist selbst für damalige Verhältnisse auf sehr niedrigem Niveau: Die Animationen der Gegner sind hölzern, die Gebäude- und Straßentexturen eintönig, und die Sichtweite beträgt nur wenige Meter – danach sieht man nur schwarz. Auch die Soundeffekte halten nicht mit anderen Ego-Shootern mit.

Ethnic Cleansing wurde am 21. Januar 2002  – dem Martin Luther King Day – veröffentlicht und ausschließlich über die Internet-Seite des Herstellers Resistance Records vertrieben; diese ist heute aber nicht mehr abrufbar. Auf der Internet-Video-Plattform Youtube existieren zwei Videos, die einen Einblick in das Spiel gewähren[4]. Dort ist zu erkennen, dass auch hier der spielerische Anspruch nicht besonders hoch ist. Zum Nachfolger von Ethnic Cleansing  – dem Spiel White Law – existieren kaum Informationen; es soll aber auf derselben Engine wie Ethnic Cleansing basieren, fünf Level beinhalten und in etwa dasselbe Spielziel haben wie sein Vorgänger.[5]

Indizierung von Computerspielen

Es gibt jedoch auch Computerspiele, die nicht dem Zweck rechtsextremistischer Propaganda unterliegen und trotzdem in Deutschland verboten sind. Das zugrundeliegende Gerichtsurteil folgte 1992 nach der Veröffentlichung des Computerspiels Wolfenstein 3D. Das Spiel selbst stellt einen Meilenstein in der PC-Spiele-Geschichte dar: Es war das erste Spiel mit 3D-Grafik. Allerdings war der Inhalt in Deutschland nicht gern gesehen: Der Spieler muss aus einem Gefängnis der Nazis fliehen und dabei unter anderem SS-Soldaten erschießen. Der Endgegner ist Hitler in einem Kampfroboteranzug. Der Grund für das Verbot des Spiels war aber ein anderer: An den Wänden hängen Hakenkreuze und Bilder von Hitler, im Hintergrund wurde das Horst-Wessel-Lied gespielt. Die Urteils-Begründung[6]:

„Es kommt nicht darauf an, dass sich die verbotenen Kennzeichen und Symbole bei dem Spiel in den Spielräumen befanden, die dem Feind zuzuordnen sind. Wäre eine derartige Verwendung von verbotenen Kennzeichen in Computerspielen erlaubt, dann wäre es kaum noch möglich, einer Entwicklung zu ihrer zunehmenden Verwendung in der Öffentlichkeit entgegenzuwirken […]“[7]

Daraufhin passten Computerspiele-Hersteller ihre Produkte für den deutschen Markt an, um zu vermeiden, dass die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften ihre Spiele indiziert und deren Verkauf in Deutschland somit verbietet. Die Hersteller ändern etwa Hakenkreuze in normale Kreuze und entfernen sämtliche Nazi-Propaganda. So kommt es, dass Deutschland für sämtliche Spiele mit 2.-Weltkriegs-Szenario eigene Versionen erhält.

Allerdings können versierte Hobby-Programmier die Grafik einiger Spiele ändern – so tauchen von Herstellern zensierte Spieleinhalte wieder auf oder es werden ganz eigene Anpassungen an frei erhältlichen Spielen vorgenommen: So gibt es eine Moorhuhn-Version, bei der man auf Juden schießt; bei der Kriegssimulation Battlefield gibt es eine Modifikation, die die normalen Uniformen und Waffen mit SS-Ausrüstung ersetzt. [8]

Spiele-Clans mit rechtsextremen Hintergrund

Da in Computerspielen mit 2.-Weltriegs-Szenario die Nazis nicht immer die Feinde sind, sondern man teilweise auch selbst auf Seiten der Achsenmächte kämpft, haben sich Spiele-Clans[9] mit Namen wie Combat 18, Sturmtrupp Division 88 oder White Power Clan formiert. Die Mitglieder sind in der Spiele-Szene aber verpönt und werden von Spiele-Servern „gekickt“ und meist auch „gebannt“.[10]

Dann gibt es aber auch – größtenteils nicht-deutsche –  Clans, die ihre Homepages ebenfalls mit rechtsextremem Propaganda-Material dekorieren, sich selbst aber von der Nazi-Ideologie distanzieren. Wenn man etwa die – mittlerweile offline geschaltete – Website des Medal-of-Honor-Clans Das Reich SS besuchte, ertönte Adolf Hitlers Stimme: „Wir haben nun allerdings eine Aufrüstung vollzogen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat!“ Auf der Homepage findet sich jedoch die Aussage, man sei „keine rassistische Gruppe“, sondern veranstalte das Ganze „nur zu Unterhaltungszwecken“. In einem lesenswerten Artikel von Hartmut Gieselmann zur Clan-Thematik heißt es dazu[11]: „Am 10. Juni 1944 richtete die 2. SS-Panzerdivision ‚Das Reich’ – also der Name des Clans – in dem französischen Dorf Oradour-sur-Glane ein brutales Massaker an. 190 Männer wurden erschossen, 245 Frauen und 207 Kinder in der Dorfkirche verbrannt.“

Gieselmann berichtet außerdem über den Day-of-Defeat-Clan Waffen-SS: „In ihrem Forum tauschen sie Weltkriegs-Sammlerstücke und Nazi-Gegenstände. Dort schwärmt beispielsweise ein User von seinen Nazi-Postkarten und ein anderer preist sich selbst mit Fotos als ‚sexy Waffen-SS Soldat’ an. Die übrigen Diskussionsteilnehmer haben daran lediglich auszusetzen, dass er für die SS zu dick sei.”

Fazit

Ich halte den Propaganda-Effekt von Computerspielen für eher niedrig. Die Spiele mit rechtsextremem Gedankengut wie Ethnic Cleansing oder KZ Manager sind von so geringer Qualität, dass sich so etwas wie Spaß kaum dabei empfinden lässt. Und auch frei verkäufliche Computerspiele mit Zweitem-Weltkrieg-Hintergrund taugen nur bedingt zur Verbreitung der Nazi-Ideologie: Meist werden die Achsenmächte dort als die „Bösen“ dargestellt. Und wenn man wie etwa in Battlefield selbst in die Rolle eines Wehrmachts-Soldaten schlüpft, geht es nicht um „ethnische Säuberung“ sondern um militärische Missionen, in denen rechtsextreme Ideologie keine Rolle spielt.


[1]Auf eine Quellenangabe, wo man die Spiele beziehen kann, wird hier verzichtet. Bei begründetem Interesse kontaktieren Sie bitte mich.

[2] Um sich ein unverfälschtes Bild zu machen, habe ich die folgenden drei – in Deutschland illegalen – Spiele aus wissenschaftlichen Gründen selbst getestet, danach aber wieder von der Festplatte gelöscht und an niemanden weitergegeben.

[3]Vgl. ADL Report: Growing Profileration of Racist Video Games Target Youth on The Internet. URL: http://www.adl.org/PresRele/Internet_75/4042_72.htm (Stand: 21.09.2009, 00:25 Uhr)

[4] Die Links zu den Videos:

http://www.youtube.com/watch?v=E0x-YNdJ-po(Stand: 21.09.2009, 00:27 Uhr)

http://www.youtube.com/watch?v=t4DmZConcOI(Stand: 21.09.2009, 00:27 Uhr)

[5] Vgl. ADL Report, a.a.O.

[6]Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfenstein_3D (Stand: 21.9.2009, 00:37) (Ich verwende Wikipedia als Quelle, da ich mich früher hobbymäßig mit dem Thema auseinandergesetzt habe und die Fakten verifizieren kann)

[7] Az: 1 Ss 407/97. Oberlandesgericht Frankfurt am Main: Hakenkreuze in Computerspielen. URL: http://www.technolex-anwaelte.de/index.php?id=43&news_id=106(Stand: 21.09.2009, 00:41 Uhr)

[8] Quellen sind dem Autor bekannt. (siehe Fußnote 1)

[9] Clans sind etwa vergleichbar mit Sportvereinen. Sie haben Mitglieder und führen untereinander Wettkämpfe.

[10]Vgl. URL: http://www.netz-gegen-nazis.de/frage/kennt-sich-jemand-mit-nazi-inhalten-bei-computerspielen-aus-0 (Stand: 21.09.2009, 00:55 Uhr) sowie eigene Spiele-Erfahrung.

[11] GIESELMANN, Hartmut. Nazi-Clans und Militär-Fanatiker im virtuellen Stahlgewitter.  URL: http://www.spielbar.de/referate/giesel.htm (Stand: 21.09.2009, 00:58 Uhr)

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