Objektivität = Qualität?

Redaktionen versprechen, überparteilich und neutral zu berichten. Dass das eigentlich unmöglich ist, weiß jeder Journalist – warum wird es aber dann nicht auch öffentlich gemacht? Ein Aufruf zu mehr Ehrlichkeit. Von Steffen Meyer

Heutzutage wird viel über Qualitätsjournalismus geredet, und wie dieser in Zukunft noch bezahlbar bleiben soll. Doch was genau heißt das eigentlich, Qualitätsjournalismus? Schaut man in gängige Lehrbücher wie etwa Walther von LaRoches „Einführung in den praktischen Journalismus“ (2004) erfährt man ziemlich genau, was ein „guter“ Journalist tun sollte: Er sollte Meinung und Bericht sowie Fakt und Fiktion klar voneinander trennen: Das ist das Nachrichtenparadigma der westlichen Welt; es ist im angelsächsischen Raum entstanden, und nach dem 2. Weltkrieg 1945 zwangen es die Siegermächte auch den Deutschen auf.

Seitdem gilt dieses Nachrichtenparadigma als der Heilige Gral journalistischer Qualität. In LaRoches Einführung heißt es etwa auf Seite 121: „Kein Kommentar! Darüber sind wir uns sicher einig, und auch in der journalistischen Praxis erkennt das jeder an.“ Das Streben nach Objektivität ist oberstes Gebot. Doch ist es auch ein sinnvolles? Schließlich ist schon die Auswahl der Nachricht ein subjektiver Schritt, und wenn man bei der Formulierung der Nachricht das erste Wort wählt, hat man sich gegen tausende andere Wörter entschieden; hinzu kommen die Auswahl der Gesprächspartner und die Gewichtung verschiedener Aspekte. Objektivität ist unerreichbar, sollte man also wirklich versuchen, daran festzuhalten?

Das beste (sowie lächerlichste und gleichzeitig schlimmste) Beispiel ist der US-amerikanische Fernsehsender FoxNews. Sein Slogan lautet „Fair and Balanced“, doch Kenner der Medienlandschaft wissen, dass er nur pure Propaganda für die Republikaner betreibt; da werden Tatsachen verdreht und wichtige Fakten unter den Tisch fallen gelassen. Vor Kurzem etwa warf die Redaktion von FoxNews der demokratischen schwarzen Politikerin Shirley Sherrod Rassismus gegenüber Weißen vor – zum Beweis zeigten sie eine Rede von ihr, die aber vollkommen aus dem Kontext herausgerissen war.[1] FoxNews startete eine – auf falschen Fakten basierende – Hetzkampagne gegen Sherrod, was schließlich zu ihrer Entlassung führte –alles unter dem Zeichen scheinbarer Objektivität.

Und auch in Deutschland gibt es ähnliche Fälle wie etwa die Volksverhetzungs-Kampagne der BILD-Zeitung während der Schuldenkrise Griechenlands.[2] Genauso weiß man, dass die Süddeutsche Zeitung gerne gegen CSU und Kirche schreibt, die Frankfurter Allgemeine Zeitung ewige Verfechterin des Marktliberalismus bleiben wird und die taz für eine deutlich linke Sozialpolitik steht. Und man kann noch viel weitergehen: Schließlich sind alle deutschen Medien auch von westlichen Wertevorstellungen geprägt und legen nicht nur bei der Weltmeisterschaft sondern auch in der Wirtschaft einen teils deutlichen Patriotismus an den Tag („Exportweltmeister Deutschland“).

Und trotzdem brüsten sich so gut wie alle Medien mit der Objektivität. Im Internet wird derweil der entgegengesetzte Weg genommen: Blogs leben von der Authentizität ihrer Autoren – und damit auch von deren subjektiven Schilderungen. Das ganze Nachrichtenparadigma wird im Web 2.0 auf den Kopf gestellt: Objektivität ist nicht vorhanden und wird auch nicht angestrebt, Fakten vermischen sich mit (meist als solche gekennzeichneten) Vermutungen und die Texte folgen keinem klaren Aufbau wie etwa bei der Nachrichtenpyramide – und trotzdem, oder wahrscheinlich: gerade deswegen, sind sie in den USA sehr erfolgreich; ganz im Gegensatz zu den dortigen Zeitungen. Hier in Deutschland ist dieser Trend noch nicht absehbar, weil Zeitungen (noch) eine große Bedeutung haben. Doch auch hier ist der Medienwandel spürbar.

Ist es also an der Zeit, das alte Nachrichtenparadigma zu überdenken? In gewisser Weise ja. Die Medien sollten sich überlegen, ob sie wirklich weiterhin an der Schein-Objektivität festhalten wollen und nicht ganz klar Stellung beziehen wollen. Oder ob sie den Autoren vielleicht einfach freie Hand lassen: Damit treten sie nicht mehr als gesichtslose Neutralitäts-Wesen auf, sondern als das, was sie eigentlich sind: ein Teil der Geschichte. Das wäre kein Rück- sondern ein Fortschritt; denn dann geben Journalisten endlich zu, dass sie Objektivität niemals erreichen können und sind damit viel transparenter und authentischer, als sie es die letzten Jahre waren.

Sicherlich: Die harte Nachricht nach allen Regeln des derzeitigen Nachrichtenparadigmas wird weiterhin bestehen, doch liegt in ihr nicht die Zukunft. Denn die harte Nachricht ist dank des Internets nichts mehr wert. Es geht um mehr als bloße Fakten, es geht um Einordnung, um Analysen, um weitergreifende Vorstellungen, um Meinungen und auch um Fantasie; Medien und die Journalisten selbst müssen mehr als je zuvor zu einer unverkennbaren Marke werden, die mit eigenen Ideen aufwartet und ja, eben individuell ist. Kritiker mögen anmerken: Droht uns dann nicht eine ähnliche politisch polarisierte Medienlandschaft wie in den USA? Nein, denn unsere Medien vertreten – wie oben erwähnt – ohnehin schon bestimmte Meinungen. Der Wegfall der Schein-Objektivität würde das eben nur transparent und so allen ersichtlich machen; dieser Wandel des Nachrichtenparadigmas würde nicht im Geringsten der Qualität des Journalismus schaden, er würde nur eines: ihn ehrlicher machen.


[1] Siehe dazu: “Maddow: The True Story Of Andrew Breitbart’s Video, Shirley Sherrod’s „Racism“ And Fox News, Part 1” auf http://www.youtube.com/watch?v=ptbuIme-iCc

[2] Siehe dazu: „BILDBlog: Wie hetze ich gegen ein Land auf?“ auf http://www.bildblog.de/18326/leitfaden-wie-hetze-ich-gegen-ein-land-auf/

Zum zitieren:
MEYER, Steffen (2010): Objektivität = Qualität? URL: https://motzmeyer.wordpress.com/essays-und-arbeiten-im-fach-journalistik/objektivitat-qualitat/

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