Der Ursprung der Nachricht

Warum werden Zeitungs-Nachrichten so geschrieben, wie sie geschrieben werden? Schon mal drüber nachgedacht? Ich schon. Diese Arbeit, die in einem Seminar zur Geschichte des Journalismus entstanden ist, beschäftigt sich mit der Entstehung der sogenannten „Nachrichtenpyramide“.

Die Nachrichtenpyramide ist wohl das Symbol für professionellen Journalismus; in ihr drückt sich der mittlerweile standardmäßige Aufbau einer Nachricht aus: Das Wichtigste steht ganz oben, an der Spitze der Pyramide, die W-Fragen (etwa „Wer?“, „Wann?“, „Wo?“) werden beantwortet, und danach folgen weiterführende Informationen; der Stil ist berichtend und (möglichst) objektiv. Doch wann und warum die Nachrichtenpyramide entstanden ist, darüber gibt es verschiedene Theorien. Horst Pöttker hat diese Theorien zusammengefasst[1] in die technologische These, die politologische These, die kulturwissenschaftliche These, die wahrnehmungspsychologische These und den ökonomischen Erlklärungsansatz. Alle diese Theorien haben gute Argumente. Doch welche ist am wahrscheinlichsten?

Im 19. Jahrhundert war es noch üblich, die Ereignisse chronologisch und in einem narrativen, meinungsdurchsetzten Stil zu schildern: Die „Königlich privilegirte [sic!] Berlinische Zeitung“ vom 20. März 1848 begann ihren Bericht über die blutigen Märzkämpfe so: „In dem Augenblicke, wo wir unsern Bericht über die Verleihungen und Verheißungen, die der König dem Volke gewährt, mit dem Worten beginnen wollen: ‚Preußen hat seinen glücklichsten Tag erlebt!‘ drang ein Ruf des Schreckens und Entsetzens zu uns.“[2] Nach einer Inhaltsanalyse des „New York Herald“[3] – eine der progressivsten Zeitungen der damaligen Zeit – hat sich die Nachrichtenpyramide in den 1880er-Jahren als Standard durchgesetzt. Zur selben Zeit begannen die Zeitungen auch, nach Sachgebieten und Sparten zu gliedern.[4]

Diese recht neue Erkenntnis von 2003 ist auch der größte Kritikpunkt an der technologischen These, die lange Zeit in verschiedenen Publikationen vertreten wurde: Im Amerikanischen Bürgerkrieg nutzten Kriegsreporter die Telegrafen-Technik zur Nachrichtenübermittlung – allerdings war diese noch sehr störanfällig, so dass beim Empfänger manchmal nur der Anfang der Nachricht ankam. Daher fassten die Reporter das Wichtigste im Nachrichtenkopf zusammen.[5] Der Amerikanische Bürgerkrieg tobte jedoch von 1861 bis 1865, also deutlich vor den 1880er-Jahren. Außerdem hatte der elektrische Telegraf spätestens 1870 „die technischen Kinderkrankheiten hinter sich.“[6] Und müsste sich der Nachrichtenaufbau dann nicht zum chronologisch-narrativen Stil rückentwickelt haben, da die technischen Schwierigkeiten aus dem Weg waren?

Auch die politologische These[7] sieht den Ursprung im Amerikanischen Bürgerkrieg: Einige Politiker, unter anderem der Kriegsminister der Union, Edwin M. Stanton, sollen die Nachrichtenpyramide in Regierungsmitteilungen benutzt und so Objektivität suggeriert haben. Viele der Zeitungen druckten die Mitteilungen unverändert ab.

Die kulturwissenschaftliche These[8] datiert die Entstehung der Nachrichtenpyramide ab 1880 – was sich ebenfalls mit der Inhaltsanalyse des „New York Herald“ deckt. Die Vertreter der Theorie begründen das mit der „quantitative[n] Bildungsexpansion (rapider Rückgang des Analphabetismus) und de[m] Paradigmenwechsel vom klassisch-humanistischen zum pragmatisch-technischen Bildungsideal im Amerika der ‚Progressive Era‘ [1890er bis 1920er].“[9] Das Publikum wollte nun knappe, schnelle Informationen und keine langen Erzählungen mehr lesen.

Der ökonomische Erklärungsansatz[10] hingegen zielt nicht auf die Konsumenten ab, sondern auf die Interessen der Verleger: Kurze Nachrichten waren schneller zu produzieren und auch günstiger zu übertragen – denn auch wenn die Telegrafentechnik immer ausgereifter wurde, war sie immer noch sehr teuer. Manchmal wird auch darauf hingewiesen, dass Nachrichten im Pyramiden-Stil attraktiver für den Leser sind (womit der Erklärungsansatz wieder mit der kulturwissenschaftlichen These vereinbar wäre).

Die letzte und neueste These ist die wahrnehmungspsychologische[11]; danach war die „kommunikative Qualität“ ausschlaggebend: Nachrichten in Pyramidenform müssen nicht vollständig gelesen werden, um die wichtigsten Informationen zu erhalten; auch der trockene Berichtsstil bringt die Dinge schneller auf den Punkt als die narrative Form. Der Verfasser der These, Horst Pöttker, weist bis auf den ökonomischen Erklärungsansatz (attraktivere Nachrichten bekommen mehr Käufer) alle anderen Theorien aufgrund ihrer zeitlichen Zuordnung zurück.

Es ist wahrscheinlich, dass Verleger und Journalisten die Vorzüge der Nachrichtenpyramide erkannt und angewendet haben. Doch wer sagt, dass nicht schon andere vor ihnen auf die Idee gekommen sind? Vielleicht hatten auch einige Kriegsreporter oder Politiker die Form – aus ihren ganz eigenen Gründen – entdeckt und angewendet? Und vielleicht war es auch erst der Paradigmenwechsel in der Bildung, der die Nachrichtenform erst überhaupt attraktiv erschienen ließ? Als Grund für die Verbreitung der Nachrichtenpyramide im Journalismus ist die wahrnehmungspsychologische These sehr wahrscheinlich –weitere redaktionelle Veränderungen, die den Konsumenten das Rezipieren erleichterten, unterstützen die These. Doch die Idee – also der eigentliche Ursprung – der Nachrichtenpyramide könnte in der technologischen und der politologischen These zu finden sein. Vielleicht sogar auch in beiden. Grundlegend zurückweisen kann man also keine der Thesen; möglicherweise haben sie alle ihre Berechtigung – und ihren ganz eigenen Platz in der Entstehung der Nachrichtenpyramide.

Literaturverzeichnis

DIETZ, Schwiesau / OHLER, Josef / LA ROCHE, Walter (Hrsg.): Die Nachricht in Presse, Radio, Fernsehen, Nachrichtenagentur und Internet, Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis. München, 2003

MEIER, Klaus: Ressort, Sparte, Team. Wahrnehmungsstrukturen und Redaktionsorganisationen im Zeitungsjournalismus. Konstanz, 2002

PÖTTKER, Horst: The News Pyramid and its Origin from the American Journalism in the 19th Century. A Professional Approach and an Empirical Inquiry. In: HØYER, Svennik / PÖTTKER, Horst (Hrsg.): Diffusion of the news paradigm 1850-2000. Göteborg, 2005.


[1] vgl. PÖTTKER, Horst: The News Pyramid and its Origin from the American Journalism in the 19th Century. A Professional Approach and an Empirical Inquiry. In: HØYER, Svennik / PÖTTKER, Horst (Hrsg.): Diffusion of the news paradigm 1850-2000. Göteborg, 2005.  (Alle Übersetzungen aus dem Englischen von Horst Pöttker selbst)

[2] zitiert nach: DIETZ, Schwiesau / OHLER, Josef / LA ROCHE, Walter (Hrsg.): Die Nachricht in Presse, Radio, Fernsehen, Nachrichtenagentur und Internet, Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis. München, 2003, S. 102

[3] vgl. PÖTTKER, a.a.O., S. 59ff

[4] MEIER, Klaus: Ressort, Sparte, Team. Wahrnehmungsstrukturen und Redaktionsorganisationen im Zeitungsjournalismus. Konstanz, 2002, S. 110ff

[5] vgl. PÖTTKER, S. 54

[6] ebd., S. 54

[7] vgl. ebd., S. 55f

[8] vgl. ebd., S. 56f

[9] ebd., S. 57

[10] vgl. ebd., S.57f

[11] ebd., S. 63f

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Ein Kommentar zu “Der Ursprung der Nachricht

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