Der Finanz-Raum: Abgeschottet und abgekoppelt?

Die Finanzialisierung der Wirtschaft aus räumlicher Perspektive

1       Einleitung

Am 26. September 2011 strahlte die BBC ein Interview aus, bei dem wohl nicht nur der fragenden Journalistin die Kinnlade herunter klappte. Der unabhängige Börsenhändler Alessio Rastani erklärte mit deutlichen Worten, was er von der Finanzkrise und den Rettungsversuchen der Regierungen hält: „This is not a time to wishful thinking that governments gonna sort things out. The governments don’t rule the world. Goldman Sachs rules the world. Goldman Sachs does not care about this rescue package, neither does the big funds.”[1] Es stellte sich zwar heraus, dass Rastani durch den Auftritt wohl hauptsächlich Werbung für sich selbst machen wollte – der Zeitung „The Telegraph erklärte er: „I’m an attention seeker not a trader“[2] –, doch das Video sorgte per YouTube-Verbreitung für Furore. Rastani entsprach genau dem Klischee Banker, der durch die Finanzkrise so in Misskredit gekommen war: nur auf den eigenen Vorteil bedacht, nur daran denkend, wie er selbst am meisten Geld machen könne; ein Auswuchs einer Entwicklung, die oft als „Finanzialisierung“[3] bezeichnet wird; eine Verlagerung der Wirtschaft hin zu virtuellen Geldströmen, die sich von der Realwirtschaft weiter abkoppeln, sich teils sogar selbst reproduzieren und dabei riesige Spekulationsblasen bilden, die sich ausdehnen und irgendwann platzen.

Doch hat sich die Finanzwirtschaft mit ihrem Zahlengewirr wirklich von der Realwirtschaft abgekoppelt und drehen sich Hedgefonds, Investmentbanken und Daytrader nur noch um sich selbst? Oder wirkt sich die Finanzialisierung nicht auch auf die ganz reale Welt aus? Wenn man bedenkt, mit was für einem Sturm die Finanzkrise scheinbar aus dem Nichts über die Weltwirtschaft hereinbrach, wie unzählige Menschen ihre Häuser und ihre Jobs verloren und gleichzeitig Zeltstädte in den Vereinigten Staaten an Größe gewannen, so ist nur schwer vorstellbar, dass der Finanzraum in sich abgeschlossen ist.

Diese Arbeit soll aufzeigen, wie sich die Entwicklung der Finanzmärkte auf den Raum auswirkt – und dass das Verständnis von Raum nicht nur in den nationalen Grenzen zu betrachten ist.

Dabei wird zuerst Theorie der Finanzialisierung mit einer historischen Dimension vorgestellt, danach geht es um die Auswirkungen auf den Raum. Schließlich wird dargestellt, mit welchem Ansatz die Finanzialisierung in eine nachhaltigere Zukunft gesteuert werden kann.

2       Definition

Unter dem Begriff Finanzialisierung kursieren verschiedene Vorstellungen. Andy Pike und Jane Pollard fassen diese in ihrem Aufsatz “Economic Geographies of Financialization”[4] auf den Punkt genau zusammen, weswegen der entsprechende Abschnitt hier zitiert werden soll (die Quellenangaben des Original-Textes wurden dem Format dieser Arbeit angepasst):

„So, briefly, what is financialization? Regulation theorists interpret financialization as a macroeconomic phenomenon, representing a systemic shift in capitalism and marking the emergence of a new finance-driven regime of accumulation.[5] For Dumènil and Lévy, financialization is part of a global neoliberal project that marks ‘the return to hegemony of the financial fraction of ruling classes’.[6] (…) By contrast, critical accounting perspectives place greater emphasis on meso- and microeconomic analytics and define financialization as ‘the growing influence of capital markets (their products, actors, and processes) on firm and household behaviours.[7] Julie Froud, Karel Williams, and their colleagues have interpreted financialization as a new form of financial competition in which ‘every quoted firm must compete as an investment to meet the same standard of financial performance.[8][9]

Kurz zusammengefasst bedeutet Finanzialisierung, dass die Kapitalmärkte einen weitaus größeren Einfluss auf die Wirtschaft und unser Leben haben als noch vor einigen Jahrzenten. Denn damals – kurz nach dem Zweiten Weltkrieg – gab es noch ein System, das das kaum zu bändigende Kapital im Zaum zu halten versuchte.

3       Historie

„The Ascent of Money“ – so heißt die sehenswerte BBC-Dokumentation mit  Niall Fergusson, die den Aufstieg des Geldes nachzeichnet und dabei – ohne das Wort zu nennen – auch die Finanzialisierung beschreibt. Deren Entwicklung beginnt (zumindest in Europa) im 13. bis 14. Jahrhundert, als in Florenz die ersten Banken entstanden[10] – darunter auch Institute, die von der berühmten Medici-Familie geführt wurden. Mit der Ausgabe der ersten Staatsanleihen in Italien sowie dem Verkauf von Aktien für die Niederländische Ostindien-Kompanie wurden weitere Grundsteine für das heutige Finanzsystem gelegt.

Der Siegeszug des Finanzmarkt-Kapitalismus hat jedoch erst in den letzten Jahrzehnten begonnen. Und in jeglicher Literatur, die sich damit beschäftigt, fällt immer wieder ein Name: Bretton Woods.

3.1      Bretton Woods

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Europa weitgehend zerstört, und auch die Finanzinfrastruktur, die sich zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg wieder allmählich aufgebaut hatte, war nicht mehr intakt. Die westlichen Siegermächte – allen voran die USA und Großbritannien – wollten deswegen eine neue Weltfinanzordnung schaffen. Dazu trafen sich die Abgesandten der Länder in Bretton Woods, einem kleinen Ort im US-amerikanischen New Hampshire.

Die Konferenz dauerte über 20 Tage vom 1. bis 23 Juli 1944, und am Ende hatten sich die USA und Großbritannien – die beiden Schwergewichte der Finanzwirtschaft – auf einen Kompromiss geeinigt: Ein Mix-System aus flexiblen und festen Wechselkursen entstand. Konkret hieß das: Der US-Dollar wurde als Ankerwährung festgelegt, die zu jeder Zeit zu einem fest bestimmten Goldpreis getauscht werden kann; 35 Dollar entsprachen einer Unze Gold. Die Währungs-Wechselkurse zum Dollar durften dabei nur um ein Prozent nach oben oder unten schwanken.[11]

Zudem wurden scharfe Kapitalverkehrskontrollen eingeführt; in der Literatur wird daher von „embedded liberalism“[12] gesprochen, also einem Marktliberalismus, der in engen Regeln abläuft.

Zudem wurden zwei Institutionen geschaffen, die die neu geschaffenen Aufgaben übernehmen sollten: der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (besser bekannt als Weltbank).

Die Konferenz markierte einen Paradigmenwechsel: Glaubte die Politik vor dem Zweiten Weltkrieg noch, die Staaten sollten die Finanzmärkte besser nicht regulieren, intervenierten sie auf der Grundlage von Bretton Woods massiv in das Finanzsystem. Um das System der festen, flexiblen Wechselkurse zu gewährleisten, müssen Staaten zwangsläufig regulierend eingreifen, indem sie etwa den Leitzins ihrer Zentralbanken senken oder erhöhen.[13]

In den 60er Jahren jedoch floss immer mehr Kapital aus den USA in die globale Wirtschaft – was die USA beunruhigte. Um ihre Zahlungsbilanz auszugleichen, versuchten die Vereinigten Staaten mit diversen Gesetzen die Kapitalflucht zu unterbinden.[14]

Die Unternehmen hingegen versuchten diese Regelungen zu umgehen, etwa indem sie sich außerhalb der USA ansiedelten und fernab von dessen Regierung Kapital anhäuften. So entstand in Europa der sogenannte Eurodollar-Markt.[15]

Dieser Überfluss des Dollars übte Druck auf das Goldsystem aus. Außerdem schritten die Vereinigten Staaten 1965 mit der Bombardierung Nordvietnams offen in den dortigen Krieg ein. Sie brauchten Geld, konnten aber aufgrund des Goldstandards nicht unbegrenzt weiteres drucken. Staaten und Marktteilnehmer fragten sich: Kann die USA wirklich garantieren, für 35 Dollar eine Unze Gold bereitzustellen?

Am 15. August 1971 schließlich hob US-Präsident Richard Nixon unilateral die Goldkoppelung auf.[16] Im Zuge dessen lockerten die USA ab spätestens 1974 sukzessiv die Kapitalverkehrskontrollen und förderten so die Spekulation.[17]

3.2      Nach Bretton Woods

Die Liberalisierung des Finanzmarktes begann in den USA und breitete sich über die ganze Welt aus. Vor allem untereinander verringerten die westlichen Länder ihre Kontrollen. In den 80er Jahren – in den USA unter Präsident Ronald Reagan und in Großbritannien unter Premierministerin Margret Thatcher – begann die stärkste Deregulierung. Die ökonomischen Grundlagen, die dahinter standen, wurden „Neo-Liberalismus“ genannt, die entsprechenden politischen Maßnahmen – wie Kürzung der Staatsausgaben, Liberalisierung der Handelspolitik, Abbau von Subventionen sowie verstärkte Privatisierungen – 1989 als „Washington Consenus“ betitelt.

 

Anzeichen der Finanzialisierung in UK und USA

Anzeichen der Finanzialisierung in UK und USA

Verschiedene Zahlen und Grafiken zeigen deutlich, wie sehr sich die Wirtschaft gerade in den USA und Großbritannien verändert hat. So hat sich der Anteil des Finanzsektors am Bruttoinlandsprodukt der USA seit Ende des Zweiten Weltkriegs graduell erhöht. 1945 waren es knapp zwei Prozent, 1990 etwa 5,5 Prozent (so viel wie kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs), und heute sind es knapp über 8 Prozent.[18]

In Großbritannien haben die Gewinne der Finanzunternehmen seit 1980 im Vergleich zur restlichen Wirtschaft um das Zehnfache zugenommen – allerdings mit einem kräftigen Dämpfer um die Jahrtausendwende, der wohl der Dotcom-Blase zuzurechnen ist.[19]

Die aktuelle Banken- und Schuldenkrise verdeutlicht der Weltöffentlichkeit im Moment sehr anschaulich, was für Konsequenzen diese Entwicklung haben kann. Die Banker sind die Sündenböcke dieser Tage. Dabei ist das, was sie taten und tun, keine wirklich neue Entwicklung.

4       Raum

Die Finanzialisierung ist nicht mehr als eine logisch-konsequente Folge des Kapitalismus, bei dem stets die Gewinnmaximierung im Vordergrund steht. Dabei geht es noch mehr als um den kurzfristigen, schnellen Gewinn – das Konzept der Nachhaltigkeit rückt dabei in den Hintergrund.

Das ist kein besonderes Merkmal des Finanzmarkt-Kapitalismus, sondern des Kapitalismus an sich: Wenn man bedenkt, wie ohne die Beachtung von Folgen Ressourcen auf der ganzen Welt ausgebeutet wurden und werden – ganz egal ob es sich dabei um Rohstoffe, Lebewesen oder Menschen handelt – fällt es schwer, nur die Finanzmärkte für diesen Drang nach kurzfristigen Gewinn verantwortlich zu machen. Umwelt, Biodiversität oder Menschenrechte waren nie immanenter Teil des Kapitalismus, sondern wurden immer erst durch die Politik in das System getragen. Der Finanzmarktkapitalismus ist schlicht der Kapitalismus in seiner derzeit reinsten Form – nicht umsonst nennen Wirtschaftswissenschaftler den Aktien- und Derivatehandel als Beispiel für einen fast perfekten Markt.[20]

4.1      Oberflächliche Abkoppelung

Dabei hat sich dieser Handel aber nur oberflächlich von der Realwirtschaft abgekoppelt: Denn alle Spekulationsblasen nehmen ihren Anfang irgendwo in der Realwirtschaft – und enden dort auch wieder. Die Hypothekenblase in den USA, die maßgeblich die aktuelle Finanzkrise ausgelöst hat, kann hierfür als Beispiel dienen: Menschen nahmen sich Kredite auf, um Häuser zu kaufen. Diese Kredite wurden verbrieft, in komplizierte Pakete verpackt und weiterverkauft. Schließlich wurden aus diesen Paketen wieder und wieder neue Pakete geschnürt: Der Gipfel dieses Prozesses waren sogenannte synthetische CDOs, die sich über krude Finanzakrobatik mittels Ausfallversicherungen selbst reproduzierten.[21] Heraus kamen „CDOs von CDOs von CDOs, auch CDO³ genannt“[22].

Auch wenn sich diese Papiere weit von realen Werten entfernt hatten und sich auf der ganzen Welt verteilten, basierten sie dennoch alle auf realen Werten (Paradoxerweise waren diese Werte allerdings Immobilien, die dem Wort nach eigentlich unbeweglich sind).

Zuweilen hört man, dass erst mit Platzen der Blase die Realwirtschaft betroffen war. Doch so stimmt das nicht: Schließlich wurden über Jahre hinweg immer mehr Häuser gebaut – finanziert über Kredite, die erst durch die Blase möglich wurden.[23] In den USA entstanden in der Nähe von Las Vegas neue unbewohnte Vororte, in Spanien wurden Luxus-Apartments gebaut, um welche wiederum Golfplätze angelegt wurden, um so den Wert der Grundstücke zu steigern und sie zu attraktiveren Spekulationsobjekten zu machen.[24] Symbolisch für diese Entwicklung berichtet Michael Lewis von einer Stripperin in Las Vegas, die in Besitz von fünf Hypothekendarlehen war – was auch niemanden zu verwundern schien, schließlich gingen die Rechenmodelle davon aus, dass die Immoblienpreise immer weiter steigen würden. [25]

Mit dem Platzen der Blase verschwanden diese Werte nicht (obwohl bezweifelt werden kann, ob Städte in der Wüste wirklich als „Werte“ anzuerkennen sind). Der Finanzmarktkapitalismus ist daher kein eigenständiges, „autonomes Subsystem“[26], wie Windolf erklärt, er ist und bleibt ein Teil der Ökonomie – des Kapitalismus – und kann nicht getrennt von anderen Märkten betrachtet werden. Er beeinflusst sie und er wiederum wird von ihnen beeinflusst. Allerdings ist eine Abkoppelung erkenntlich; nur ist diese nicht ökonomisch, sondern räumlich.

4.2      Der Finanz-Raum

Betrachtungsweisen der (Wirtschafts-)Wissenschaften begehen oft den Fehler, den Menschen auszuklammern, ersetzen ihn durch einen rational handelnden „Homo oeconomicus“[27], der der Realität nur selten bis gar nicht gerecht wird. Lewis beschreibt in seinem Buch die Welt der Finanzmarktakteure auf eine sehr anschauliche Weise. Eine markante Szene ist das Treffen von zwei Händlern in Las Vegas; der eine ist Steve Eismann, einer der Hauptpersonen des Buches, der andere Wing Chau, ein sogenannter CDO-Manager: Am Ende des Treffens geht Eismann zu seinen Kollegen und erklärt, dass er von nun an ganz speziell gegen die Wertpapiere von Wing Chau spekulieren möchte. „Endlich hatte er dem Feind ins Auge gesehen“[28] zitiert Lewis einen Kollegen von Eismann.

Folgt man dem Buch von Lewis, so drängen sich Wörter wie „Casino-Kapitalismus“ und „Zocken“ – wie sie in der Presse genutzt werden – geradezu auf. Die Finanzmarktakteure kennen meist gar nicht die Personen, die den Kredit aufgenommen haben, aber spekulieren trotzdem mit deren Schulden. Sie kennen teilweise nur den sogenannten FICO-Score, der die Kreditwürdigkeit des Schuldners angeben soll. Dessen Bemessungsgrundlagen wurden aber auf diverse Weise manipuliert oder ausgenutzt.

Die Akteure des Finanzmarktes sind es, die abgekoppelt sind, sie sind räumlich getrennt von der Realwirtschaft, nehmen die Entwicklungen nur durch Zahlen und Ratings wahr, sehen aber nicht auf die wirkliche Welt, auf die realen Werte, die hinter den Papieren stehen.

4.3      Informationssegregation

Finanzjongleure sitzen in ihren Büros und vertrauen auf die Daten ihrer Monitore. Es ist das typische Prinzipal-Agent-Problem – nur in einer ganz neuen Dimension, für die Informationsasymmetrie noch beschönigend wirkt; Informationssegregation trifft es da vielleicht noch eher: Niemand weiß überhaupt irgendetwas über den anderen. Der Käufer von synthetischen CDOs schaut auf nicht mehr als die Bewertung der Ratingagenturen. Und der Kreditnehmer, dessen Hypothek Bestandteil dieses CDO ist, weiß noch nicht einmal, was ein CDO überhaupt ist.

Windolff spricht von einer neu gebildeten Finanzklasse[29], doch es ist viel mehr als das: Es ist ein eigener Finanzraum, der nicht geographisch zu verorten ist. Wenn man diesen Raum beschreiben müsste, dann würde man mit den Bürotürmen in den Finanzdistrikten anfangen, mit den Cafés und Restaurants, die sich nur die Finanzklasse leisten kann (als Paradebeispiel dient dafür die Londoner City[30]), sowie die erste Klasse in den Flugzeugen, die die Weltfinanzstädte miteinander verbinden[31].

Geographisch ist dieser Raum abgegrenzt, aber nicht ökonomisch: Die Konkurrenz zwischen institutionellen Anlegern (Investmentbanken, Hedge-Fonds etc.) führt zu hohen Renditeanforderungen[32], die das Führungspersonal an seine Mitarbeiter weitergibt. Diese „Moneymaker“, die das Kapital der Fima investieren, geben diesen Druck an die Unternehmen weiter, an denen sie Beteiligungen erwerben. Und die Manager dieser Unternehmen müssen diese Renditeziele umsetzen. Dieses „shareholder value“-Denken ist wie gesagt nur eine konsequente Weiterentwicklung des Gewinnstrebens im Kapitalismus.[33] Das eigentliche Problem daran ist, dass zwischen den Prinzipalen und den Agenten so viele Ebenen liegen, dass langfristige Planung in den Hintergrund tritt. Beispielhaft dafür: Im Jahr 1960 hielten Anleger eine Aktie im Schnitt noch 10 Jahre, 2006 war es im Schnitt nur noch ein Jahr.[34]

Eine Änderung dieser Verhältnisse ist nicht in Sicht und wird auch nicht erwünscht – weder von den Finanzakteuren selber, noch von den Staaten, die von dem Geschäft mittels hoher Steuereinnahmen zu profitieren scheinen und die Ansiedlung von Finanzinstitutionen sogar maßgeblich förderten[35].

4.4      Regulierung

Auch wenn dieser Finanz-Raum die restliche Wirtschaft stark beeinflusst, gibt es nur wenige staatliche oder zivilgesellschaftliche Institutionen, die Spielregeln festlegen (können). Während Unternehmen sich weltweit vernetzen, ist die Zivilgesellschaft noch immer in geographischen meist national begrenzten Räumen gefangen. Erste Anzeichen einer internationalen Politisierung sind zwar erkennbar – etwa in Form der Piratenpartei, die in verschiedenen Staaten antritt und sich übers Internet vernetzt, oder in Form von weltweit agierenden NGOs und staatlichen Institutionen wie der UNO oder dem IWF – doch hinkt sie der Privatwirtschaft und vor allem der Finanzialisierung um Längen hinterher. Wie es Joseph Stiglitz ausdrückt: „[E]conomic globalization has  been outpacing political globalization“[36].

Das ist auch kein Wunder: Der Finanz-Raum hat sich nicht nur geographisch abgeschottet, sondern hat zudem eine eigene Sprache entwickelt, die selbst einfache Prozesse sehr kompliziert erscheinen lässt.[37] Mittels massiver Lobby-Arbeit und Spendenfinanzierung wird zudem daran gearbeitet, dass nur die, die auch dem Raum angehören, über den Raum Bescheid wissen. Das erzielt die gewünschte Wirkung: Der Journalismus schafft es nicht – trotz aller Vereinfachung – den Menschen die Finanzkrise wirklich näher zu bringen,[38] und EU-Parlamentarier sandten im Jahr 2010 einen Hilferuf nach einem zivilgesellschaftlichen Gegenpol zur Finanzindustrie aus. Sueddeutsche.de schrieb:

„In Bereichen wie dem Umweltschutz gebe es bereits mächtige Nichtregierungsorganisationen (NGO), die einen Gegenpol bilden würden. ‚Für den Finanzsektor trifft das nicht zu‘, erklären die Finanzexperten des EU-Parlamentes. Weder die Gewerkschaften noch NGOs hätten eine Expertise entwickelt, die der Industrie Stand halten könne. Die Bürger seien deswegen aufgerufen, eine oder mehrere schlagkräftige NGOs zu gründen, um der Einflussnahme der Banken entgegenzustehen.“[39]

Mittlerweile gibt es mit „Finance Watch“[40] eine solche Organisation, doch bislang hat diese im öffentlichen Diskurs selten von sich Reden gemacht. Mit den Auswirkungen der Finanzkrise aber haben sich erstmals internationale Bankenproteste unter dem Label „Occupy“ formiert, die gegen die Akteure des Finanzraums wettern – jedoch ohne Ziele, ohne eine klare Agenda (weswegen Deutschlands Bundespräsident Joachim Gauck Teile dieser Bewegung auch als „albern“ bezeichnete[41]).

Es gestaltet sich schwer, geeignete Regulierungen zu finden, die auch global umsetzbar sind. Zu verschieden sind die Interessen der Länder, in denen die Finanzmarktakteure ihre Quartiere beziehen. Luxemburg und die Schweiz profitieren von ihrer Intransparenz, die Industriestaaten USA und England sowie Schwellenländer wie Singapur von ihren seichten Vorschriften im Bankenwesen. Der Finanz-Raum ist nicht national zu verorten, doch unterliegt er nur nationalen Bestimmungen. Und die Bewohner dieses Raumes versuchen mit allen Mitteln – allen voran mit immenser Lobby-Arbeit – sich von außen abzuschotten.

Damit die Politik in diesen Finanz-Raum eingreifen kann, muss erst ein Interesse daran erwachsen. Und dieses Interesse daran entsteht bislang nur, wenn die negativen Auswirkungen sichtbar werden: Deswegen sind die Demonstrationen in den USA – dem Geburtsland der Krise – und in Griechenland – einer der größten Betroffenen – auch am stärksten. Doch vieles, was in diesem nicht zu verortenden Raum geschieht, bleibt in diesem Raum und dringt nicht an die Öffentlichkeit: Das Volumen der außerbörslich gehandelten Finanzderivate – also quasi der Umsatz von Schattenbanken – betrug 2010 geschätzt 601 Billionen Dollar. Das Welt-Bruttoinlandsprodukt 2010 betrug nur 63 Billionen Dollar, also gerade einmal etwas mehr als ein Zehntel dieser Summe.[42]

Die räumliche Trennung ist nicht mehr aufzuheben, sie wird sich wahrscheinlich sogar noch weiter forcieren. Es muss nicht in erster Linie darum gehen, den Raum abzuschaffen oder seinen Akteuren strengen, aber kaum durchsetzbaren Regeln aufzuerlegen.[43] Zuallererst geht es um etwas anderes.

 

5       Fazit

Die Finanzmarktakteure sind abgeschottet und weitgehend unbeachtet. Es gibt zwar Börsenaufsichten wie die SEC in den USA, doch auch diese hat – wie man während der Krise gesehen hat – Schwächen. In Michael Lewis neuesten Buch zur Finanzkrise „Boomerang“[44] zitiert er Jörg Asmussen, der bis Juli 2008 deutscher Staatsekretär für Finanzen war, mit den Worten:

„Ich hatte immer geglaubt, New York hätte das am besten kontrollierte Bankwesen. Die Notenbank und die Börsenaufsicht waren für mich beispiellos. Ich konnte nicht glauben, dass Investmentbanker in ihren E-Mails schreiben, dass sie Dreck verkaufen. Das war meine größte berufliche Enttäuschung.“[45]

Dieses Zitat drückt vor allem auch den Verlust der Glaubwürdigkeit aus, den Finanzunternehmen seit Ausbruch der Krise zu beklagen haben. Und Glaubwürdigkeit ist ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste Gut im Handel zwischen Schuldnern und Gläubigern. Daher sollte es auch im Interesse von Finanzkonzernen sein, diese Glaubwürdigkeit wiederzuerlangen – und ein Weg wäre mehr Transparenz.

Es müsste eine Institution geben, die geführt wird von allen Interessengruppen, also von Vertretern von Staaten, NGOs und Finanzunternehmen. Diese entwickeln Transparenz-Richtlinien, die Unternehmen einhalten müssen, die sich der Institution anschließen. Im Gegenzug erhalten die Unternehmen eine Art Gütesiegel. Dieses besagt, dass sich die Firmen einer strengeren als gesetzlich vorgegebenen Kontrolle unterwerfen – womit sie eine höhere Glaubwürdigkeit erreichen und am Markt eine stärkere Position einnehmen.

Die Mitgliedschaft an dieser Institution ist freiwillig – alles andere wäre global auch nicht durchsetzbar. Die höchste Strafe, die verhängt werden kann, ist der Ausschluss und der damit einhergehende Verlust des Gütesiegels. Und der Glaubwürdigkeit.

Eine solche Institution gibt es bereits in einem anderen Wirtschaftsfeld: Die Fair Labour Association (FLA)[46] entstand aus einer Task Force der US-Regierung und überprüft mit unangemeldeten Besichtigungen die Fertigungswerke in Entwicklungs- und Schwellenländern von Nike, H&M, Adidas oder Nestle. Auch hier ist die Teilnahme freiwillig.[47]

Das mag sich nach einem zahnlosen Tiger anhören und geht vielen wohl nicht weit genug, doch es ist eine realistische Idee: Denn schließlich kann ein Tiger ohne Zähne immer noch den teuren Anzug eines scheinbar vollkommen sauberen Akteurs besudeln und ihn somit vor der Öffentlichkeit und seinen Geschäftspartnern bloßstellen. Die Glaubwürdigkeit leidet.

 

Es gibt viele Ansätze, wie die neue Finanzordnung gestaltet werden muss; doch man sollte dabei nie aus den Augen verlieren, welche Rolle die Wahrnehmung der menschlichen Akteure spielt. Denn diese hängt immer davon ab, auf welchem Standpunkt sie sich befinden. Und – wie vorhin erwähnt – befinden sich die Finanzmarktakteure in einem Raum, der weitgehend abgeschottet von der Außenwelt existiert, aber dabei einen immensen Einfluss auf eben diese Außenwelt hat.

Dieser Finanz-Raum braucht deswegen zuallererst nicht mehr Regeln oder noch mehr Akteure, er braucht vor allem eines: größere Fenster.


[1] Auf YouTube gibt es das Interview hier zu sehen: http://www.youtube.com/watch?v=kpg76VjTa58

[2] RUSSEL, Jonathan: BBC financial expert Alessio Rastani: ‚I’m an attention seeker not a trader‘. 27. September 2011. URL: http://www.telegraph.co.uk/finance/economics/8792829/BBC-financial-expert-Alessio-Rastani-Im-an-attention-seeker-not-a-trader.html (Stand: 26.03.2012, 15:13 Uhr)

[3]

[4] Vgl. PIKE, Andy / POLLARD, Jane: Economic Geographies of Financialization. In: Economic Geography. 2010, Vol. 86 (1), S. 29ff

[5] Vgl. BOYER, Robert: Is a Finance-led growth regime a viable alternative to Fordism? A preliminary analysis. In: Economy and Society. 2000, Vol. 29, Issue 1, S. 111ff

[6] Vgl. DUMÉNIL, Gérard / LÉVY, Dominique: Costs and benefits of neoliberalism: A class analysis. In: International Politcal Economy. 2005, Vol. 8, S. 578ff

[7] Vgl. ERTURK, Ismail et al.: The democratization of finance? In: Review of International Political Economy. 2007, Vol. 14, S. 553ff

[8] Vgl. FROUD, Julie et al.: Shareholder value and financialization. Consultancy promises, management moves. In: Economy and Society. 2000, Vol. 29, S. 80ff

[9] PIKE, a.a.O., S. 32

[10] Natürlich könnte man auch schon die Erfindung des Geldes als Beginn betrachten. Doch damals war es noch als Tausch- und nicht als Spekulationsmittel gedacht. Und gerade die Spekulation ist – wie noch zu sehen sein wird – ein wesentlicher Aspekt der Finanzialisierung.

[11] Vgl. GERMAIN, Randall: Global Politics & Financial Governance. New York, 2010, S. 48

[12] Vgl. PANITCH, Leo / GINDIN, Sam: Finance and American Empire. In: PANITCH, Leo / KONINGS, Martin (Hrsg.): American Empire and the Political Economy of Global Finance. 2009, S. 19

[13] GERMAIN, a.a.O, S. 50

[14] Vgl. PANITCH, a.a.O, S. 21

[15] Vgl. GERMAIN, a.a.O., S. 51

[16] Vgl. ebd., a.a.O., S. 53

[17] Einige Autoren argumentieren, dass bereits in den 60er Jahren eine Liberalisierung eingesetzt hat, vgl.: PANITCH, a.a.O., S. 26

[18] Vgl. HALDANE, Andrew / BRENNAN, Simon / MADOUROS, Vasileios: What is the contribution of the financial sector: Miracle or mirage? In: al., TURNER et: The Future of Finance. The LSE Report. London, 2010, S. 90

[19] Vgl. ebd.

[20] Das habe ich selbst bei meiner Einführung in die Volkswirtschaft gehört: Aktien sind schließlich homogene Produkte und können fast ohne Transaktionskosten ihren Besitzer wechseln – wichtige Voraussetzung für einen „perfekten“ Markt. Vollständige Information und vollständige Rationalität sind natürlich auch nicht auf den Börsenparketten zu erwarten, aber das ist meiner Ansicht nach auf keinem Markt möglich.

[21] Vgl. LEWIS, Michael: The Big Short. Wie eine Handvoll Trader die Welt verzockte. München, 2010, S. 107ff

[22] ROUBINI, Nouriel / MIHM, Stephen: Das Ende der Weltwirtschaft und ihre Zukunft. München, 2011, S. 98

[23] Vgl. ebd., S. 94

[24] Exzellente Aufnahmen dazu sind in dem Film „Let’s make money“ zu sehen (WAGENHOFER, Erwin: Let’s make Money. Berlin, 2009)

[25] Vgl. LEWIS, a.a.O., S. 204

[26] WINDOLF, Paul: Zehn Thesen zur Finanzmarkt-Krise. In: Leviathan. 2009, Vol. 37, No. 2, S. 195

[27] Vgl. MANKIW, N. Gregory / Mark P. Taylor: Grundzüge der Volkswirtschaftslehre. Stuttgart, 2008, S.551

[28] LEWIS, a.a.O., S. 195

[29] Vgl.WINDOLF, Paul: Was ist Finanzmarkt-Kapitalismus? In: WINDOLF, Paul (Hrsg.): Finanzmarkt-Kapitalismus. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft. Köln, 45/2005

[30] Vgl. DÖRRY, Sabine: Europäische Finanzzentren im Sog der Finanzialisierung. Büromärkte und Stadtpolitik in Frankfurt, London und Paris. In: Informationen zur Raumentwicklung. 2010, Heft 5/6, S. 357ff

[31] Das „Time Magazine“ titelte 2008 mit dem Akronym „NyLongKong“, was die Verbundenheit von New York, London und Hongkong zum Ausdruck bringen sollte (siehe dazu: ELLIOT, Michael: A Tale of Three Cities. In: Time Magazine. 17. Januar 2008)

[32] Diese entstehen natürlich auch dadurch, dass die Kunden nur darauf achten, wer das meiste aus ihrem Geld herausholt und nicht, wie es verwendet wird. Eine „Verurteilung“ der Angebotsseite käme daher wie so oft zu kurz.

[33] Vgl. WINDOLF: Was ist Finanzmarkt-Kapitalismus? In: WINDOLF, Paul (Hrsg.): Finanzmarkt-Kapitalismus.  Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft. Köln, 45/2005, S. 24ff

[34] Vgl. WINDOLF: Zehn Thesen zur Finanzmarkt-Krise. In: Leviathan. 2009, Vol. 37, No. 2, S. 191

[35] Vgl. DÖRRY, a.a.O.

[36] STIGLITZ, Joseph: Making Globalization Work. London, 2006, S. 291

[37] Vgl. VIEHÖVER, Ulrich: Ressort Wirtschaft. Konstanz, 2003, S. 326ff

[38] Vgl. ARLT, Hans-Jürgen / STORZ, Wolfgang: Wirtschaftsjournalismus in der Krise. Frankfurt/Main, 2010 sowie WINTERBAUER, Stefan: Journalistik-Professor Weischenberg im Interview: „Wirtschaftsjournalismus hat versagt“. In: meedia.de. 2008

[39] Sueddeutsche.de: EU-Abgeordnete gegen Bankenlobby. Hilferuf der Parlamentarier. 2010. URL: http://www.sueddeutsche.de/geld/eu-abgeordnete-gegen-bankenlobby-hilferuf-der-parlamentarier-1.962665 (Stand: 30.03.2012, 17:41 Uhr)

[42] Vgl. HAWRANEK, Dietmar et al.: Märkte außer Kontrolle. In: Der Spiegel. 34/2011, S. 60

[43] Obwohl es hier zahlreiche und teils auch realistische Vorschläge gibt. Eine kleine, aber sehr gute Auswahl gerade zum Verhältnis von Schuldner und Gläubiger sowie Staaten und Finanzunternehmen findet sich bei STIGLITZ, a.a.O., S. 225ff

[44] LEWIS, Michael: Boomerang. Europas harte Landung. New York, 2011

[45] ebd., S. 175

[47] Auf der Millionärs- und Visionärsmesse TED spricht Auret van Heerden, Präsident der FLA, über seine Institution: http://www.ted.com/talks/lang/en/auret_van_heerden_making_global_labor_fair.html; Kritik kommt vor allem von der United Students Against Sweatshops: http://usas.org/campaigns-old/sweat-free-campus/dont-pay-the-fla/about-the-fla/#

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