Sonntagsauslese 1.2.2015: Griechenland, Islam, Auschwitz, Kiffen

Nach zwei Wochen Pause hier mal wieder eine Sonntagsauslese:

Griechenland: Strategische Panik
Die Meldung über Griechenlands Flucht aus dem Euro versetzte Europa in Panik – gut so, sagt der griechische Ökonom Yanis Varoufakis. Es stecke sogar Absicht dahiner.
Sz.de
Ein älteres Interview mit Yanis Varoufakis. Er ist jetzt der neue griechische Finanzminister. Ich habe ihn selbst einmal auf der Konferenz „New Economic Thinking“ gesehen. Sympathischer Typ.

Night Will Fall
Eine nie gezeigte Dokumentation über die Befreiung der Konzentrationslager.
YouTube (Englisch)
ARD Mediathek (Deutsch)

Legal, illegal, ganz egal? Cannabis in Europa
Die Sendung „Yourope“ widmet sich dem Thema Kiffen in Europa.
Arte.tv
Der Moderator ist zwar ein etwas anstrengender Spießer, aber die Beiträge sind gut und informativ.

Der Islam im Konflikt
„Mit Offenen Karten“ über den Islam, und welche Konflikte in seinem Namen ausgefochten werden.
Teil 1
Teil 2
Konzentriert hinsetzen und ganz genau zuhören. Dann eine Woche vergehen lassen und nochmal angucken. Sehr viele Informationen auf einmal. Aber sehr umfassend.

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China-Schönschreiber – Gekürzte Passagen

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Spon hat meinen Artikel zu einer finnischen Firma veröffentlicht, die China-freundliche Nachrichten in der Welt verbreitet. Natürlich wurde da einiges gekürzt, weil ich immer viel zu viel schreibe. Vor allem meine Analyse und Vergleiche von Gbtimes fiel dem Rotstift zum Opfer.

So hatte ich etwa geschrieben, dass die Strategie von Gbtimes an die von Radio Free Europe während des Kalten Kriegs erinnert: Statt Reden von Kennedy und Eisenhower hörten die Bürger des Ostblocks Led Zeppelin und John Lennon. Die Sowjetunion sah in dem von der CIA mitfinanzierten Sender eine Propagandamaschine.

Tiefergehende Inhaltsanalyse

Meine Inhaltsanalyse zu Gbtimes war auch ein wenig länger: Im Fall um den Whistblower Snowden titelt Gbtimes etwa “USA reagieren sich an China ab, als Snowden entwischt“ („US vents at China, as Snowden slips away“) und zitiert amerikanische, englische Nachrichtenquellen wie Bloomberg, LA Times und Reuters sowie die Aussage des Sprechers des Weißen Hauses, dass die chinesisch-amerikanischen Beziehungen Schaden genommen hätten.

Danach kommt Chinas Presse zu Wort: So wird zum einen People’s Daily, die offizielle Zeitung der Kommunistischen Partei, zitiert sowie die „Global Times“, eine „nationalistisch geprägte Boulevard-Zeitung“, wie Gbtimes erklärt. Letztere schreibt: „Wir wünschen Snowden viel Glück in dieser schweren Zeit. Sein persönliches Schicksal spiegelt das Spiel zwischen US-Hegemonie und dem weltweiten Streben nach Fairness und Gerechtigkeit wider.“

In einem anderen Artikel erfährt der Leser, dass die “Zentralregierung respektiert, wie Hong Kong mit Snowden verfahren hat” und unter dem Titel “Gesetze Hong Kongs gelten für den Fall Snowdens“ wird eine Umfrage der „Sunday Morning Post“ aus Hong Kong zitiert: Danach waren 49,9 Prozent der 509 Umfrageteilnehmer „dagegen“ oder „sehr dagegen“, dass „die Regierung der Auslieferungsanfrage aus Washington einwilligt“. Nur 17,6 Prozent seien dafür gewesen, dass Snowden übergeben werden sollte.

Als die New York Times berichtete, dass die Verwandten von Chinas Ex-Premier Wen Jibao während seiner Regierungszeit über 2,7 Milliarden Dollar Vermögen anhäuften, publizierte die Redaktion von http://www.gbtimes.com die Artikel „Wen family, state media attack New York Times report” und “NY Times blocked in China after story of Premier’s family’s massive wealth”. Die Reaktionen von Chinas Medien und Staatsfunktionären stehen im Vordergrund, die eigentliche Story wird kurz umrissen, wer mehr wissen möchte, gelangt über einen Link zum Original-Artikel der New York Times.

In Artikeln zum Syrien-Konflikt (“Why China vetoed the UN Resolution on Syria twice”) und zu den Skandalen um Bo Xilai („Bo Xilai’s support grows amongst people, claim western reports“) legt Gbtimes den Fokus auf die chinesische Sichtweise – die westliche wird aber nie verleugnet.

Eine Frage der Definition

Rausgestrichen wurde auch meine Definitionen von Propaganda, PR und Journalismus: Während Journalisten möglichst neutral über ein Thema informieren wollen, wollen Propaganda- und PR-Experten die öffentliche Meinung in ihre Richtung bewegen. Über den Unterschied zwischen PR und Propaganda streiten sich jedoch die Wissenschaftler: Edward Louis Bernays, einer der Väter der PR, setzt sein Fachgebiet mit Propaganda gleich und hatte auch kein Problem damit, es schlicht Manipulation zu nennen.

Andere Wissenschaftler erklären, Propaganda polarisiere, radikalisiere und emotionalisiere oder verbreite schlichtweg Lügen, die PR hingegen gebe den Fakten nur einen gewissen Dreh, neudeutsch: „Spin“.

Und falls sich wer gefragt hat, warum die Firma in Finnland betrieben wird, hat offensichtlich den unscheinbaren Kasten am linken Rand vom Artikel übersehen. Darin steht:

Warum Finnland?

Der CEO von Gbtimes, Zhao Yinong, war Anfang der 90er Jahr nach Finnland eingewandert, schlug sich erst als Taiji-Lehrer durch, hielt dann an Finnlands Universitäten Vorträge über China und stellte fest, so schreibt er in einem Blogeintrag , dass „viele Leute kaum etwas über China wissen und dass es viele Missverständnisse gibt“.

1994 gründete Yinong die Beraterfirma Tradepoint Oy, die chinesischen Unternehmern half, im Westen Fuß zu fassen. Im Jahr 2000 wurde die Firma in Futuvision umbenannt, 2004 kam eine Medienabteilung hinzu, mit dem Einstieg des chinesischen Fonds 2007 wurde die Firma in Global Broadcasting Media Management umbenannt, 2012 in Gbtimes.

Der Umsatz von Gbtimes beläuft sich auf 4,4 Millionen Euro, der von Futuvision Media auf 2,787 Millionen Euro. Wieviel die Chinesen jedes Jahr beisteuern, will Resman nicht sagen. „Kein Unternehmen gibt darüber Auskunft, wie viel welcher Kunde zahlt.“

—–

Ich finde, die Kürzungen der Redaktion gehen voll in Ordnung, ich bin manchmal einfach zu ausführlich. Aber ich hätte es einfach schade gefunden, wenn die restliche Arbeit nur für die Tonne gewesen wäre. Ich habe zu dem Thema übrigens auch eine 10-seitige Seminararbeit verfasst, die einen etwas anderen, wissenschaftlicheren Dreh hat. Ich werd einen Auszug daraus hier auch noch veröffentlichen.

Steffen Daniel Meyer: Autokärtchen-Experte

Der hr3 und das Webradio Detektor FM haben mich zu meinem Autokärtchen-Artikel auf Spiegel Online interviewt. Die beiden Mitschnitte gibt es hier:

Das hr3-Interview:

Das Detektor-FM-Interview:

Und hier geht es zum dazugehörigen Artikel auf der Detektor-Homepage.

Ich hatte mir schon gedacht, dass sich viele für den Artikel interessieren würden – aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich dadurch plötzlich zum Autokärtchen-Experten werde. So schnell kann’s gehen.

Mein Artikel hat es übrigens am Veröffentlichungstag auf den ersten Platz der meistgelesenen Artikel auf Spiegel Online gebracht. Über 300 Leute haben ihn zudem über Facebook, Twitter und Google+ weiterempfohlen.

Oh, Horst

(Beruhend auf einer wahren TV-Begebenheit)

Oh Horst,
da sitzt du am Küchentisch deiner Wohngemeinschaft,
frisst die Pfannkuchen, schlürfst den Orangensaft.
Doch es ist nicht dein Frühstück.
Und schon beginnt das Unglück.
Der Ingo ist ´ne Drieviertelstunde früher aufgestanden,
um bei seiner Freundin Sandra mit ´nem leck´ren Frühstück zu landen.
Doch du hast alles kaputt gemacht,
oh Horst,
es gibt keinen, der darüber lacht.
Du sagst nur: „Ich dachte die Pfannkuchen wären für alle da.“
Doch Ingo belehrt dich: „Eine WG ist keine Hotelbar.“
Oh Horst,
du lebst da nur, weil der Vermieter dich mag,
doch deine Mitbewohner kommen auf dich nicht klar.
Du sortierst deine Wäsche nicht und räumst deinen Müll nicht weg,
oh Horst,
das ist nicht nett.
Du bist über 50 und gehst mit 20-Jährigen einen saufen,
oh Horst,
was ist bei dir nur schiefgelaufen?`
Deine Frau hat dich rausgeschmissen,
du warst ihr zu faul,
jetzt tust die sie ganz doll vermissen,
du dummer alter Gaul.
RTL macht sich einen Spaß daraus
und strahlt deinen Bierbauch in die weite Welt hinaus.
Aber mein Lieber,
sei nicht sauer,
der größte Horst ist immer noch der Zuschauer.

Dr. Guido Westerwelle – Master of the English Language

Natürlich sagen Kenntnisse der Weltsprache Englisch nicht viel über die Fähigkeiten eines Politikers aus. Natürlich kann man überall einen Übersetzer mitschleppen, wenn man Außenminister wird. Aber irgendwie hinterlassen die beiden Videos des Dr. Guido Westerwelle auf Spreeblick einen ganz faden Beigeschmack:

„Wir sind hier in Deutschland“

„Der Aufschwung ist da“

Und das Resumé der Titanic lässt die gerade laufenden Koalitionsverhandlungen auch noch einmal unter einem ganz anderen Licht erscheinen.