#PanamaPapers: Das Problem ist nicht Putin, sondern das Geschäftsmodell

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Im Fokus der Panama Papers müssten eigentlich die europäischen Banken stehen. Sie sind die heimlichen Profiteure der Schattengeschäfte.

Statt Wladimir Putin, Baschar al-Assad und Petro Poroschenko hätte die Süddeutsche Zeitung bei der Veröffentlichung der “Panama Papers” eigentlich Tidjane Thiam, Edmond Michaan und Hugues Delcourt auf ihre Online-Startseite packen müssen. Sie sind die Chefs der Finanzinstitute, die die meisten Briefkastenfirmen in Zusammenarbeit mit der Kanzlei Mossack Fonseca aufgebaut haben – und damit die heimlichen Profiteure der Schattengeschäfte, die mit dem Datenleak ans Licht gekommen sind.

Tidjane Thiam ist CEO der Schweizer Bank Credit Suisse, welche über eine Tochtergesellschaft 918 Firmen registriert hat. Edmond Michaan führt die Schweizer Privatbank J. Safra Sarasin an, die mit 963 Briefkastenfirmen Platz Zwei belegt. Tabellenführer ist jedoch Hugues Delcourt, der CEO der Banque Internationale á Luxembourg: Deren Tochtergesellschaft Experta – die übrigens nichts über ihre Chefs Preis gibt – hat satte 1659 Schattenfirmen für die Kunden der Kanzlei angelegt. Auch auf den hinteren Plätzen finden sich vor allem Luxemburger und Schweizer Institute, wie eine Übersicht von Handelsblatt Online zeigt.

Die Profiteure sind also nicht nur Leute wie Putin, Assad oder Poroschenko, sondern die Menschen, die mit Schattenfirmen ein Geschäftsmodell aufgebaut haben. Das Problem daran: Es ist völlig legal. Selbst Wolfgang Krach, Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, schreibt in einem Kommentar, dass es Gründe dafür geben kann, “dass ein deutscher Bank-Manager den Besitz einer Villa auf Mallorca geheim halten will und sie deshalb in einer Briefkastenfirma versteckt. Solange das Vermögen hierzulande versteuert wird, ist das in Ordnung.” Welche Gründe das aber sind, sagt er nicht. Fürchtet sich ein solcher Banker vor linksextremistisch motivierten Anschlägen? Als ob man in der Presse von angezündeten Villen auf Mallorca statt von abgebrannten Flüchtlingsheimen lesen würde.

Eigentum verpflichtet – Mehr Eigentum verpflichtet mehr

Die Frage, die im Raum steht, ist doch die: Ist es wirklich gerecht, so viel Geld zu haben und es mehr verheimlichen zu dürfen als es andere können? Der Durchschnittsbürger legt sein Geld bei der Bank seines Vertrauens an, führt es im Portmonnaie mit sich oder kauft sich vielleicht ein paar Aktien, investiert es in einen Fonds oder in Immobilien – und wenn man nicht drüber spricht, kann es der neidische Nachbar auch nicht so einfach herausfinden. Warum also brauchen einige Leute eigene Schatten-Gesellschaften, um ihren Reichtum zu verbergen? Wohl einfach, weil sie etwas zu verbergen haben.

“Eigentum verpflichtet” steht im deutschen Grundgesetz, und wenn das Eigentum wächst, wachsen auch die Pflichten. Wer über Kapital in Millionen-Höhe verfügt, hat dadurch viele Privilegien im Leben; darunter auch mehr Möglichkeiten, seinen Reichtum zu verbergen und somit Steuerflucht zu begehen. Dass bei Reichen höhere Auflagen an ihr Kapital gelten als bei Durchschnittsbürgern ist keine Diskriminierung, sondern ausgleichende Gerechtigkeit. Doch Briefkastenfirmen stellen genau das Gegenteil dar: Durch ihre Legalität geben sie Reichen noch mehr Privilegien, statt mehr Pflichten.

Es ist also ein Unding, dass europäische Geldinstitute mit dieser legalisierten Ungerechtigkeit Millionen-Gewinne einfahren. Hier muss die EU handeln, doch scheitert sie wie so oft an ihren institutionellen Voraussetzungen: Da immer noch die Staats- und Regierungschefs im Europäischen Rat den Ton angeben, scheitert der Kampf gegen Briefkastenfirmen an sogenannten “nationalen” Interessen – welche im Grunde die Interessen der nationalen Wirtschaftszweige ist. Im Fall Luxemburg ist das zum Beispiel die Bankenwirtschaft.

Wenn die Mitgliedstaaten der EU wirklich europäisch gegen Steuerhinterziehung vorgehen wollen würden, dann würden sie den Gesetzgebungsprozess dem Europäischen Parlament überlassen. Denn im Gegensatz zum Europäischen Rat, wo nur die nationale Regierungsvertreter sitzen, sind im Europäischen Parlament auch die Parteien der Opposition vertreten. Das direkt gewählte Parlament bildet den europäischen Volkswillen also viel besser ab, als es der Rat tut. Im Parlament steht zudem nicht die nationale Zugehörigkeit im Vordergrund, sondern die Zugehörigkeit zur Partei. Zwar sind im europäischen Parlament wirtschaftsliberale und konservative Parteien derzeit klar in der Mehrheit, doch eine Debatte über den Kampf gegen Steuerhinterziehung würde ans Licht bringen, welche Politiker von welchen Parteien sich gegen neue Vorschriften zur Steuerhinterziehung stemmen. Und vielleicht finden sich deren Namen in den (nächsten) Panama Papers.

Dieser Artikel ist auch auf TheEuropean.de erschienen.

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Eurogroup gets more transparent – a reaction to DiEM25?

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Just a day after Yanis Varoufakis launched its DiEM25 movement in Berlin, it seemed to some that it already sparked a reaction in the EU. Jeroen Dijsselbloem, the President of the Eurogroup (the informal meeting place of the head of states of the Eurozone), announced a step towards more transparency in this institution.

Since DiEM25 routes for more transparency, too, I asked Dijsselbloem’s spokesperson, Michel Reijns, if this a reaction to the demands of the newly founded movement. He answered:

„No, the eurogroup president wants this and he got a lot of support from the ministers for his initiative. It’s a matter of improving the legitimacy of the Eurogroup and enhance its external communication vis-à-vis the public, and the European and national Parliaments.“

While at it, I asked as well, if Dijsselbloem wants to go even further with transparency and consider fulfilling the demands of DiEM25, namely live-streaming the meetings of the Euro Group. I added: „If yes, when? If no, why not?“ His answer:

„Live-streaming is not one of the proposals. We are not considering this at this stage.“

So sadly, he didn’t say why, so I asked him for the reason again.

I’m now waiting for the answer and update this article as soon as possible.

Update 12.2.2016, 23:22

I’ve got mail. This was the answer:

„The Eurogroup is an informal body of 19 countries and four institutions. These steps we could make quite easily. Let’s see what could be possible in the future. For now these are important steps and we are happy with it.“

I asked Yanis Varoufakis, why he didn’t join the Union of European Federalists

I asked Yanis Varoufakis, why he didn’t join the Union of European Federalists, a pro-european organisation that is in favor of “promoting a United, Democratic and Federal Europe”.

I recorded the answer a bit too late, but he started answering this question by comparing the situation Europe is in now with the situation in 1929, when – and there begins my recording – “the gold standard was fragmenting and after that, Europe was torn apart. Same after 2008. The common currency area, the euro, has begun to fragment. And very soon we have new fences, new borders. The Germans are being incited to hate the Greeks, the Greeks to hate the Germans, and we are being torn apart again.

So this is not just about Federation. This is about responding in a way that progressive forces failed to respond in the 1930s to the fragmentation of European Capitalism. And that can only happen with a surge of democracy, a movement, not a discussion about federation and federal government.

I am a Federalist. I want a Federation.

But the first thing, we need to do is to bring together all the different movements, from the bottom-up, on the basis of no [didn’t understand], no central committee, with self-organisation throughout Europe, to start a conversation that the establishment in Europe has been denying Europe, the conversation about how to face up, confront this common enemy that is fragmentation, meeting to [misanthropy?], to ultra-nationalism, to borders, to xenophobia.

And once we have this conversation – and this is what DiEM is about: providing the infrastructure for this conversation -, and if that conversation leads to a consensus, then we’ll find ways of synthesizing these into what kind of constitution we want for the European Union.

But look, Capitalists understand the value of failure. They understand, when you start a business and it doesn’t do well, you start another one. Americans are very good at it. We, the movements, must also understand that. To start a movement, and if it fails, we start another one, and another one, and another one. And all those failures together contribute – hopefully – to some success at the level of mobilisation.”

Recorded on Sunday, 7th of February 2016, at the „Blockupy Ratschlag“ in Berlin

Die Geschichte vom kleinen Bruder von Scheiße

Der kleine Bruder von Scheiße saß in seinem Zimmer und fragte sich, warum er schon wieder einen Korb bekommen hatte. Dieses eine Mädchen, mit dem er sich so gut verstand, wollte ihn einfach nicht küssen. Sie mochte ihn, das hatte sie ihm gesagt, aber trotzdem wollte sie, dass sie Freunde blieben. Der kleine Bruder von Scheiße war traurig, denn es war nicht das erste mal, dass ihm das passiert war. Er hatte noch nie eine Freundin, und er hatte auch keine richtigen Freunde. Dabei war er zu allen Leuten immer freundlich. Doch die Leute sahen in ihm nur den kleinen Bruder von Scheiße. Der kleine Bruder von Scheiße war traurig, denn er hatte niemanden, mit denen er über seinen Kummer reden konnte. Mit seinen Eltern wollte er nicht sprechen, und sein Bruder war Scheiße.

So saß der kleine Bruder von Scheiße ganz allein in seinem Zimmer und fasste einen Entschluss: Er wollte nicht mehr der kleine Bruder von Scheiße sein. Wann immer jemand zu ihm sagte, “Du bist der kleine Bruder von Scheiße”, sagte er: “Nein, das bin ich nicht” und er erklärte ihnen, wer er sei. Und so begann der kleine Bruder von Scheiße, alle Leute zu meiden, die in ihm noch immer nur den kleinen Bruder von Scheiße sahen. Und der kleine Bruder von Scheiße bemerkte, dass es sehr viele andere Menschen gab, die ebenfalls Geschwister von Scheiße waren. Aber weil er selbst nicht mehr der kleine Bruder von Scheiße sein wollte, waren auch die anderen für ihn nicht mehr die Geschwister von Scheiße, sondern nur das, was sie eben waren.

Mit der Zeit fand der kleine Bruder von Scheiße viele Freunde. Und bald hielt er auch seinen Bruder nicht mehr für Scheiße, und er sagte den Leuten “Mein Bruder ist nicht Scheiße”. So kam es, dass der kleine Bruder von Scheiße nicht mehr der kleine Bruder von Scheiße, sondern ganz er selbst war. Und all die Leute, die immer noch glaubten, er sei der kleine Bruder von Scheiße, waren Scheiße.

Ende

Yanis Varoufakis: Der Märtyrer Europas

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Yanis Varoufakis wird vielen Deutschen als Nervensäge in Erinnerung bleiben. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn mit ihm geht einer der wenigen wahren Europäer. Ein Nachruf. 

Ich glaube den Technokraten, Ministern und Regierungschefs Europas, dass es anstrengend war, mit Yanis Varoufakis zu diskutieren. Ich glaube aber nicht, dass seine Argumente dumm, kindisch oder gar nationalistisch waren. In seinem Buch “Ein bescheidener Vorschlag zur Lösung der Euro-Krise” hat Griechenlands Ex-Finanzminister unlägst vier konkrete Strategien ausgearbeitet, wie Europa mit seinen Banken, seinen Schulden, seiner Wettbewerbsfähigkeit und seinen Menschen umgehen sollte.

Im ersten Vorschlag plädiert Varoufakis für eine europäische Bankenunion, die ihren Namen auch verdient hat. Mit der vor knapp einem Jahr beschlossenen Bankenunion hat die EU zwar eine europaweite Bankenaufsicht eingeführt, aber ansonsten nur kleine Fortschritte gemacht: Ein gemeinsamer Abwicklungsfonds soll marode Banken ordnungsgemäß insolvent gehen lassen, ohne dass sie wie Lehmann Brothers das ganze System in den Abgrund reißen. Doch dieser Mechanismus greift in voller Stärke erst im Jahr 2023. Zudem wird der Fonds auch nur mit 55 Milliarden Euro bestückt. Griechenland allein hat aus den zwei Transfer-Paketen (auch Rettungs-Pakete genannt) 48 Milliarden Euro aufgewandt, um seine Banken am Leben zu erhalten. Nach dem Schuldenschnitt 2012 waren es noch einmal 34 Milliarden. Zusammen sind das 82 Milliarden. Die anvisierten 55 Milliarden hätten in der Krise also nicht einmal für die griechischen Banken gereicht.

Varoufakis schlägt daher vor, den Europäischen Stabilitätsmechanismus (den ESM, auch unter Rettungsschirm bekannt) für die Bankenabwicklung zu nutzen: Mit seinen über 700 Milliarden Euro Stammkapital soll der ESM Anteile von Pleite-Banken kaufen, die Institute sanieren und dann die Anteile wieder gewinnbringend verkaufen – ganz nach dem Vorbild der USA: Das dortige Finanzministerium nahm durch den Verkauf von Anteilen des in der Krise verstaatlichten Versicherungskonzerns AIG 22 Milliarden Dollar ein.

Um ausufernden Boni-Zahlungen und Zockereien während der Sanierung einen Riegel vorzuschieben, soll die Europäische Zentralbank außerdem einen neuen Verwaltungsrat in den Pleite-Banken einsetzen. Dieser hat solange das Sagen, solange der ESM Anteile hält. Die gerettete Bank kann also nicht machen was sie will. Was eigentlich so vernünftig klingt, beißt sich allerdings mit dem Nationalitätsgehabe der europäischen Finanzminister.

– „Tödliche Umarmung von Banken und Staaten“ –

Die Varoufakis-Strategie bedeutet nämlich, dass Europa für das europäische Bankensystem verantwortlich ist, und nicht mehr jeder Mitgliedsstaat für die jeweiligen Banken in seinem Land – was ob der europäisierten und globalisierten Finanzströme geradezu absurd erscheint. Die jetzige Regelung bedeutet, dass arme Länder ihre Pleite-Banken selbst retten müssen und sich damit noch weiter in die Krise manövrieren; eine “tödliche Umarmung zwischen bankrotten Banken und bankrotten Mitgliedsstaaten”, wie es Varoufakis beschreibt. Zudem würden meiner Ansicht nach gerade Staaten mit einer korrupten Elite wie Griechenland von einer europäischen Bankenabwicklung enorm profitieren: Ein Verwaltungsrat der EZB kann bestimmt nicht so leicht geschmiert werden wie ein griechischer Oligarch.

Doch die Finanzminister haben sich bei der Bankenunion mit Kräften gegen mehr Europa gestemmt. Schon 2012 machte der damalige EU-Kommissionspräsident Manuel Barroso einen ähnlichen Vorschlag wie Varoufakis. Doch die Mitgliedsstaaten sperrten sich dagegen. Auch bei ihrer eigenen Bankenunions-Initiative waren die Finanzminister kaum zu großen Schritten bereit: Nur auf Druck des Europäischen Parlaments soll das geplante Abwicklungsföndchen schon 2023 voll einsatzfähig sein, und nicht wie zuerst geplant zwei Jahre später.

– Mehr Europa als erwünscht –

Ähnlich verhält es sich mit den drei weiteren Varoufakis-Strategien: Er plädiert für einen europäischen Schuldentilgungsfonds (ähnlich wie es die Strategie-Abteilung der Boston Consulting Group in Henrik Müllers lesenswertem Buch “Euro-Visionen” skizziert), für ein groß angelegtes Investitionsprogramm, quasi einen “Marshall-Plan” für die Euro-Zone (wofür sich zum Beispiel auch Frankreichs Staatspräsident Hollande ausgesprochen hat) und für ein europaweites Nothilfe-Programm, das EU-Bürgern Zugang zu Nahrung garantiert und Grundbefürfnisse wie Energie und Verkehr abdeckt (ähnlich wie die USA es haben). Das alles sind Vorschläge, die “Ja” und nicht “Nein” zu Europa sagen.

Doch beinhalten diese Vorschläge viel mehr Europa, als viele Europäer sich das vorstellen können oder wollen: Nur acht Prozent der EU-Bürger identifizieren sich erst mit Europa und dann mit ihrer Nation [PDF] – das Nationalgefühl überwiegt deutlich. Natürlich ist es dann anstrengend mit jemanden über Europa zu diskutieren, der wirklich europäisch denkt und nicht nur Lippenbekenntnisse für den Kontinent ablegt und im Hinterzimmer sein nationales Süppchen kocht. Das heutige Europa ist in den Augen vieler EU-Bürger eine Kosten-Nutzen-Gemeinschaft, keine Solidargemeinschaft. Varoufakis und andere Solidar-Europäer fordern den Menschen mit ihren Ideen daher etwas ab, wozu viele noch nicht bereit sind: Solidarität unter immer noch fremden Nationen [PDF].

Deswegen musste Varoufakis abtreten. Seine Visionen waren zu kühn, sein Idealismus zu groß, um sich mit Kompromissen abgeben zu können. Doch ohne Kompromissfähigkeit ist in einem Europa voller nationaler Eitelkeiten keine Politik zu machen. Die Europäer sind noch nicht bereit, Europa als Solidar-Gemeinschaft zu begreifen, zu tief verankert sind die Vorurteile, zu wenig vorhanden ein europäisches Identitätsgefühl. Varoufakis hat das verstanden und ist gegangen. Für und wegen Europa.

Dieser Text ist in redaktionell redigierter Fassung auf theeuropean.de erschienen.

Putin als starker Mann? „Ein PR-Produkt“

Einer der renommiertesten Russland-Experten Deutschlands hat bei einem Vortrag in Düsseldorf dem Publikum die Machtstrukturen im Kreml erklärt – und dass Putin eher Moderator als Macho ist.

Schröder: “Das ganze russische System ist um die Person Putin aufgebaut”

Schröder: “Das ganze russische System ist um die Person Putin aufgebaut”

Professor Hans-Henning Schröder steht vor seiner Präsentation mit dem Titel “Wer hat die Macht im Kreml?” und sagt: “Der Vortrag könnte eigentlich sehr kurz werden, wenn ich ganz ehrlich auf die Frage antworten würde.” Dann beendet Schröder seinen Satz aber nicht mit “Putin”, sondern mit: “Ich weiß es nicht.”

Schröder ist einer der renommiertesten Russland-Experten Deutschlands. Bis 2012 leitete er die Forschungsgruppe Russland beim Deutschen Institut für internationale Politik und Sicherheit, lehrt an der Freien Universität Berlin und ist Herausgeber der elektronischen Zeitschrift “Russland-Analysen”. Er steht in einem Raum der Wirtschaftsclub Düsseldorf GmbH, auf einer Veranstaltung des Düsseldorfer Deutsch-Russischen Wirtschaftsclubs e.V., im Publikum sitzen Unternehmer, Ökonomen und Interessierte. Der 66-Jährige kennt sich aus, er erwähnt einflussreiche Personen, die in deutschen Medien kaum vertreten sind – Fridman, Miller, Schuwalow, Schojgu – erzählt davon, wer mit wem Konflikte austrägt und wie sich in den letzten 15 Jahren die Macht weg von Parlament und Rechtstaatlichkeit hin zu den Wirtschaftseliten verschoben hat.

Wahrgenommene Bedeutung von russischen Elitegruppen: Banken und Unternehmen (rot) haben den Einfluss von Parteien und Parlament (gelb) zurückgedrängt.

Wahrgenommene Bedeutung von russischen Elitegruppen: Banken und Unternehmen (rot) haben den Einfluss von Parteien und Parlament (gelb) zurückgedrängt.

Schröder sagt über sich selbst, er sei “Putin-Versteher”, weil er verstehen möchte, was in Russland geschieht. “Das heißt aber nicht, dass ich blind alles für richtig halte.” Als Ende der 60er-Jahre der damalige Bundeskanzler Willy Brandt seine Ost-Annäherung startete, begann Schröder ein Studium zum Russisch-Lehrer, 1972 ging er nach Wolgograd. “Und da hat sich dann alles entwickelt. Man könnte sagen, ich bin ein Opfer der Brandtschen Ostpolitik.”

Für ihn ist die russische Kultur ein Teil der europäischen – “Wenn sie Puschkin und Nekrasov lesen, dann sind das europäische Werte” – , und er hat Freunde in dem Land, mit denen er die für Russen typischen tiefschürfenden Gespräche führt, die auch mal in Melancholie überkippen, wenn etwas zu viel getrunken wurde. Sein Bild der Politik aber baut auf wissenschaftlichen Untersuchungen auf.

Eine Powerpoint-Folie trägt den Titel “Politbüro 2.0”: Auf ihr ist in der Mitte ein großer roter Kreis zu sehen, in dem der Name Wladimir Putin in kyrillisch geschrieben ist. Rundherum befinden sich blaue, grüne und gelbe Kreise mit anderen Namen, mal weiter entfernt, mal näher dran am Präsidenten. “Hier sind die Silowiki, die in letzter Zeit an Einfluss gewonnen haben”, sagt Schröder. “Und hier sind die Keynesianisten und die Monetaristen, die sich darüber streiten, wie Russlands Wirtschaft wieder Fahrt aufnehmen kann.” Er zeigt auf Oligarchen, auf liberale Kräfte und auf regionale Gruppen, wie die um den Moskauer Bürgermeister Sergei Sobjanin.

Komplexes Machtgefüge in Russland

Komplexes Machtgefüge in Russland

Auch wenn Putin prominent in der Mitte der Grafik steht, ist er für Schröder nicht der autoritäre Herrscher, wie er manchmal dargestellt wird. “Wenn ich mir seine Entscheidungen zu Gesetzesvorschlägen ansehe, erscheint er mir als intelligenter Ausgleicher, der den Kompromiss sucht”, sagt Schröder. “Er ist mehr der Moderator, der es schafft, dass das Eliten-Karussell nicht explodiert.” Hier schwäche er mal das eine Ministerium, dort stärke er einen Oligarchen – und halte so das Gleichgewicht aufrecht. “Das erfordert viel Feingefühl”, sagt Schröder. “Das Bild des starken Machos, wie es in deutschen und russichen Medien kursiert, halte ich für einen PR-Produkt.”

Vertrauen in Politiker: blau = Putin; orange = Medwedew; schwarz = Niemand

Vertrauen in Politiker: blau = Putin; orange = Medwedew; schwarz = Niemand

Gleichzeitig ist Putin beliebt bei der Bevölkerung: Schröder präsentiert eine Umfrage von Russlands gemeinnützigen Lewada-Zentrums, das jedes Jahr fragt, welchem Politiker die Russen am meisten vertrauen. Putin landet seit 15 Jahren mit 40 bis 60 Prozent immer deutlich auf dem ersten Platz. Danach folgt mit rund 20 Prozent meistens die Auswahl “Ich traue keinem Politiker”. Nur zwischen 2008 und 2012 reichte Dimitri Medewedew – damals Präsident – an die Raten des ehemaligen KGB-Offiziers heran. Seit Ausbruch der Finanzkrise ließ die Zustimmung für Putin zwar nach, doch mit der Annexion der Krim im März 2014 schoss sie wieder auf fast 60 Prozent. “Er ist die einzige Person, die den Leuten die Zuversicht gibt, dass die Elite zum Wohle des Landes handelt”, sagt Schröder.

Zudem gewährt die Verfassung Russlands dem Präsidenten große Macht: “Ihm ist fast die gesamte Exekutive unterstellt, und wenn das Parlament sich dreimal hintereinander nicht für einen Ministerpräsidenten entscheiden kann, kann der Präsident das Parlament auflösen.” Diese starke Stellung könne aber nicht jede Person nutzen. “Medwedew zum Beispiel hatte nicht die Führungskraft, so durchzuregieren wie Putin.”

Das russische Präsidentschaftsamt hat verfassungsrechtliche eine starke Stellung

Das russische Präsidentschaftsamt hat verfassungsrechtliche eine starke Stellung

Das Amt des russischen Präsidenten hat also verfassungsrechtlich eine enorme Machtfülle, doch offenbar weiß nur Putin, wie diese Rolle auszufüllen ist. Der Judo-Kämpfer mit dem durchtrainierten Oberkörper ist zum einen beliebt beim Volk, zum anderen ist er geschult in den Machtspielchen des Kreml, er ist Popstar und Moderator zugleich. Das hat Folgen.

Als Putin 2008 aufgrund der Verfassung nicht für eine dritte Amtszeit in Folge antreten durfte, hätten ihn Eliten und Volk darum gebeten weiter zu machen, erzählt Schröder. Die Konsequenz war die Interims-Lösung Medwedev. Und als Putin im Februar dieses Jahres für zehn Tage verschwand, wurden die Eliten nervös und die Medien überschlugen sich mit wilden Theorien. “Das ganze russische System ist um die Person Putin aufgebaut”, sagt Schröder. “Und das macht es sehr anfällig.”

Was passiert also, wenn der große rote Kreis in der Mitte dieses Politbüros 2.0 verschwindet? Wird die Bevölkerung einen Nachfolger akzeptieren? Und wie werden die Eliten sich untereinander arrangieren?

“Das Land wird es schon überleben”, sagt Schröder – doch wie es weitergeht, weiß auch er nicht. Selbst der Russland-Freund und -Experte gibt zu, dass die Machtzirkel des Kreml zu intransparent sind, um klare Schlüsse zu ziehen. “Man bekommt immer nur Fetzen mit, es ist schwer zu sagen: der macht das, dieser macht jenes.” Auch wisse er nicht, wie es zur Entscheidung kam, die Krim zu annektieren. “Wer die Außenpolitik in Russland macht? Wir wissen es nicht, sicher ist nur: Das Außenministerium ist es nicht.”