Das andere Großbritannien

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Wie die Wahlnacht in einem Londoner Pub mein Briten-Bild durcheinander brachte.

Als ich in der Nacht des Referendums an die Theke eines Londoner Pubs trete, spricht mich Viv an, ein Banker aus der City, eine Blüte des Finanzmarktkapitalismus, ein eingeschworener Feind eines jeden Sozialisten, und bestellt mir ein Bier. Seine Kollegen seien alle schon zu Hause, sagt er, doch er wolle bis zum Morgen durchmachen, das Ergebnis des Referendums abwarten und dann zur Arbeit gehen. Er erzählt mir, er sei ein Linker, er wolle ein sozialeres Europa, aber vor allem wolle er ein Europa mit Großbritannien. Nicht weil er Banker sei und um den Standort London als Finanzmetropole fürchte, sondern weil Europa einfach zusammenhalten müsse. All die ökonomischen Berechnungen, all die rationalen Argumente für eine Mitgliedschaft in der EU verblassen für ihn vor der Idee, dass Europa nicht gegeneinander, sondern miteinander streitet.

War das wirklich ein Brite? Einer dieser euroskeptischen, ewignörgelnden Ex-Imperialisten? Viele Besucher*innen des Pubs tragen “Remain”-T-Shirts oder haben sich kleine Sticker mit dem Wort “In” aufgeklebt. Auf einer großen Leinwand, auf der sonst Fußballspiele übertragen werden, verfolgen sie die Ergebnisse des Referendums und jubeln auf, wenn das Remain-Lager eine Region geholt hat, und buhen, wenn Ukip-Chef Nigel Farage zu sehen ist. Das waren nicht “die Briten”, wie man sie aus den Medien kennt, das waren “die Europäer”, wie man sie auch in Spanien, Frankreich, Deutschland, Polen und Griechenland trifft.

Da wäre zum Beispiel ein Typ Mitte 20 namens Ashley, der über Facebook sich mit seiner Großmutter angelegt hat, weil sie “diese ganzen Polen” aus dem Land schmeißen möchte, oder Rosie, die fassungslos enttäuscht von all den “ignoranten Leuten in ihrem Land” ist, oder eine Halb-Britin-Halb-Dänin, die mit großer Inbrunst das Lobeslied auf die Friedensmacht Europa anstimmt.

Es ist zwar richtig, Großbritannien kann wirklich nerven, mit seinen wirtschaftsliberalen Politikern, die in Deutschland irgendwo zwischen FDP und AfD anzusiedeln wären, oder mit seiner Blockade-Haltung gegenüber einer immer engeren Union, die einer dringend notwendigen sozialen Wende der EU im Wege steht. Das aber ist nur das eine, das tönend-laute Großbritannien, das in unserer Aufmerksamkeitsökonomie mehr Leser, Hörer und Zuschauer bekommt, als es verdient hätte.

Das andere Großbritannien, das ist Beverly. Nachdem um 5 Uhr morgens das “Leave”-Lager deutlich vorne liegt, frage ich sie, wie sie sich fühle. Sie hält kurz inne und antwortet dann, dass in dieser Nacht der Hass gewonnen habe, der Rassismus ein größeres Problem in ihrem Land als gedacht sei, und der Faschismus eine Renaissance erlebe. Sie könne es nicht fassen, dass ihr Land sich für einen Schritt in die Vergangenheit entschieden habe. Was so falsch an Europa sei, fragt sie den Tränen nahe. Europa sei voller gütiger und fürsorglicher Menschen. “Doch wir umarmen Europa nicht so, wie Europa uns umarmt.”

Beverly spricht nicht von wirtschaftlichen oder politischen Implikationen, sie spricht von einer Idee von Europa, die sich in den Köpfen vieler junger Menschen manifestiert, aber nicht artikuliert hat, weil sie bislang als selbstverständlich galt. Doch jetzt wo sie alles andere als selbstverständlich ist und ihr jederzeit möglicher Verlust spürbar ist, bin auch ich den Tränen nahe. Beverly sagt, die Entscheidung die EU zu verlassen, sei egoistisch, fahrlässig und unbedacht, und sie könne einfach nicht verstehen, wie man Europa den Rücken zukehren könne. “Das ist es, was ich fühle.” Dann umarme ich sie. Und sie mich.

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