Konferenz „On The Record“: Was läuft falsch im Journalismus?

Müller und Steinbrück: "Banalisierung des Journalismus." Foto: Roland Baege

Müller und Steinbrück: „Banalisierung des Journalismus.“ Foto: Roland Baege

Auf einer Konferenz in Dortmund durften Politiker und Wirtschaftsfunktionäre kritisieren, was der Journalismus falsch macht. Wie es besser geht, war danach nicht eindeutig. Der Veranstalter, ein Journalistik-Professor, äußerte jedoch eine Idee.

Peer Steinbrück machte klar deutlich, was seiner Ansicht nach in den Medien falsch läuft: Er kritisierte die zunehmende “Banalisierung”, zum Beispiel dass nach dem Fernsehduell zwischen ihm und Bundeskanzlerin Angela Merkel “Merkels Halskette eine größere Rolle spielte als das, worüber überhaupt debattiert wurde”. Dass Bilder Inhalte schlügen, “wenn sich zum Beispiel ein Politiker auf der Straße in New York fotografieren lässt” – eine Anspielung auf den Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Er gab zu, dass sich Politik zunehmend inszeniere (“Welchen Schlips, welches Jacket ziehe ich an?”), aber auch von den Medien inszeniert werde: Politiker würden durch Shitstorms, Blogs und journalistische Überspitzung zu einem Polit-Sprech “erzogen”, der etwa so klinge: “Eine gute Grundlage ist die beste Voraussetzung für eine solide Basis.”

Für viele seiner Aussagen erntete er beipflichtenden Applaus im Publikum. Unrecht hat er nicht.

Die Konferenz “On The Record” in Dortmund wollte “eine Brücke schlagen” zwischen Politik, Wirtschaft und Journalismus. Organisiert wurde sie vom Lehrstuhl Wirtschaftspolitischer Journalismus der TU Dortmund, an deren Spitze der Journalistik-Professor Henrik Müller steht, ehemals stellvertretender Chefredakteur des Manager Magazins.

Zu den Podiumsgästen zählten neben Steinbrück unter anderem EZB-Direktoriumsmitglied Yves Mersch aus Luxemburg, Bert Rürup vom Handesblatt Research Institute, der Wirtschaftsweise Christoph Schmidt, Staatssekretär Jörg Asmussen sowie Christian Rickens, Wirtschafts-Ressortleiter bei Spiegel Online. Laut Veranstalter Müller ging es in erster Linie darum, die Akteure aus Politik, Wirtschaft und Journalismus an einen Tisch zu bringen: “Wir sind alle in Clubs gefangen, vor allem unter unseres gleichen. Das Ziel der Konferenz war es, einen Treffpunkt zu schaffen, wo man miteinander ins Gespräch kommt.”

Über den Tag kamen laut Müller über 200 Zuschauer in die Lounge des Dortmunder Signal-Iduna-Parks – dort, wo normalerweise gut situierte Fußballfans sich nach den Spielen des BVB treffen. Zwar relativiert sich die Zuschauerzahl etwas, da auch Studierende von Müllers Lehrstuhl die Zuschauerplätze füllten und der Raum sich nach dem Verlassen von Steinbrück und Mersch merklich leerte, dennoch zeigte die Gästeliste ein gemischtes Bild aus Wirtschaftsvertretern, Journalisten und Politikern – wobei letztere deutlich in der Minderheit waren.

Einer von ihnen war Steffen Kampeter, CDU-Staatsekretär im Bundesfinanzministerium. Er verwehrte sich bei einer Podiumsdiskussion gegen die Kritik, die Politik höre nicht genug auf das Gutachten der fünf Wirtschaftweisen. “Nur weil da fünf Professoren anrauschen, werden wir nicht unsere ganze Politik umschmeißen.” Es ging also nicht nur um Medienkritik, sondern auch um das Verhältnis von Wirtschaft(swissenschaft) und Politik.

Das Podiumsgespräch mit EZB-Direktoriumsmitglied Mersch hievte die Veranstaltung dann auf die Europa-Ebene: Der Luxemburger erklärte, dass vielen Menschen nicht klar sei, welch unterschiedliches Verhältnis Länder zum Geld haben: “In Frankreich wird alles geschaffen, auf dass die Größe und Glorie des Staates genährt wird. In Deutschland ist Geld eher Privatsache.” In den USA indes werde das Unternehmertum geradezu “verherrlicht”, und die Griechen pflegten zum Geld ein “feudales Verhältnis”. Es gebe keine europäische Soziologie, und das müsse mehr kommuniziert werden.

Nach den weiteren teils sehr technischen Ausführungen des Notenbankers stand das letzte Panel folgerichtig unter dem Titel “Wer versteht eigentlich noch unser Geld? Die verwirrenden Euro-Reformen”. Rickens, Wirtschaftsressortleiter bei Spiegel Online, machte das Dilemma am Beispiel des aktuellen Gutachten der Wirtschaftsweisen fest: “Die Leute interessiert es, dass Merkel sich nicht um das Gutachten schert, aber der Artikel, der erklärt, was in dem Gutachten steht, der wird kaum geklickt. Aber wir machen ihn trotzdem.” Helmut Posch, Vorstand der Continentale-Versicherung, merkte dazu an, dass immer nur über akute Entscheidungen berichtet wird, aber nicht über das, was nachher Gutes aus ihnen geworden ist: “Mir fehlen die good news.” In einem waren sich jedoch alle Diskutanten einig: “Es ist ein sehr komplexes Thema.” Auf die Frage, wie dies jedoch anschaulicher vermittelt werden kann, gab es keine Antwort.

Der Veranstalter und Journalistik-Professor Müller äußerte gegenüber Handelsblatt Online dazu eine Idee: “Mir geht es darum, dass wirtschaftspolitische Journalisten eine eigene Sichtweise entwickeln und sich nicht von Interessenvertretern die Agenda vorgeben lassen, sondern selbst hinschauen: Was sind eigentlich die wichtigen Themen?” Dies sei ein “anwaltschaftlicher Journalismus im Sinne der Bevölkerung insgesamt, wissenschaftlich ausgedrückt: im Sinne eines wohlfahrtsmaximierenden Ansatzes”.

Verständlicher wird dieser Ansatz, wenn Müller über die Probleme der Euro-Krise spricht: “Es ist im Nachhinein schwer vorstellbar, dass wir so lange diese Probleme gemeinschaftlich übersehen haben. Der Journalismus sollte Korrektiv sein, sollte sich auch gegen den Wind stemmen, und gerade wenn ein Boom läuft, oder gerade wenn sich alle so wohl fühlen, wie das im Moment in Deutschland der Fall ist, und die Politiker sich auch zu wohlfühlen, und eine Große Koalition den Takt vorgibt, dann müssen Journalisten eine eigene, unabhängige, selbstbewusste Sichtweise entwickeln und ein korrektes Bild der ökonomischen Realität liefern. Wir laufen immer wieder Gefahr, das zu übersehen. Immer.”

Offenlegung: Der Autor hat 2011 den Journalistik-Bachleor in Dortmund abgeschlossen und ist Mitglied der überparteilichen, pro-europäischen Bewegung “Junge Europäische Föderalisten”.

– Dieser Text ist in redigierter Fassung auf handelsblatt.com erschienen. –

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