RT Deutsch verschenkt sein Potenzial

Russia Today Deutsch hat seine erste Sendung ausgestrahlt. Ich hab‘ sie mir mal angeschaut. Ich war ziemlich enttäuscht, denn im Grunde sind andere Blickwinkel ja immer interessant. Aber das, was da abgeliefert wurde, war schon ziemlich bräsig.

Am Anfang interviewt die Moderatorin den Chefredakteur des Senders und beide betonen ganz ironisch, wie sie doch vom Kreml ferngelenkt werden und wie sie doch nur Propaganda verbreiten und wie die deutschen Medien sie „begrüßt“ haben. Dann zeigen sie einen Ausschnitt, wie der RT-Chefredakteur den Redakteur von Zapp interviewen will, der gerade vor dem RT-Gebäude dreht. Der macht sich aber aus dem Staub. Unheimlich peinliche Aktion des NDR-Manns. Wovor hatte der denn Angst? Als Journalist hält man doch anderen Leuten andauernd eine Kamera vor die Augen, da kann man doch auch sein eigenes Gesicht zeigen. Naja, die RT-Moderatoren schlachten das natürlich aus und bemühen sich um Ironie, die gezwungen witzig ist. Und dann stellen sie sich selbst bloß: „Eine Frage, die uns im Vorlauf der Sendung immer gestellt wurde: Wie kommt Ihr überhaupt zu RT Deutsch?“, fragt der Chefredakteur. „Na, Jasmin, außer über das Personalbüro im Kreml-Bunker wie ich, wie kommst du denn zu RT Deutsch?“ – Sie antwortet: „Ich hab‘ einfach Glück gehabt.“ Und mehr nicht. Eine Antwort sieht anders aus. Wenn man bei Google nach ihr sucht, findet man zwar noch den Link zu ihrem LinkedIn-Profil, das Profil selbst aber gibt es nicht mehr.

Danach interviewt sie einen Ex-Oberstleutnant, der eigentlich nix anderes sagt, als dass die Sprache in den Medien mit Kriegsrhetorik durchsetzt sei. Als Beispiel nehmen sie dann eine Überschrift von Bild.de – JA, VON BILD.DE! DIE repräsentativste Anlaufstelle für dt. Qualitätsjournalismus!

Der zweite Interview-Partner darf dann sagen, dass Deutschland ein Überwachungsstaat sei, und er kritisiert die No-Fly-Listen der USA. Also nix Unbekanntes. Das Krasse ist nur, dass das ganze mit der DDR und dem Nazi-Reich verglichen wird. Klar haben die Geheimdienste wohl heute mehr Infos über ihre Bürger als damals, das haben westliche Medien ja dank Snowden und dem Guardian aufgedeckt. Aber wir haben heute keine Stasi oder Gestapo, die Leute foltern oder wegsperren, wenn sie nicht politisch opportun sind.

Alles in allem ein recht schwaches Bild. Ich dachte, da werden mal Nachrichten gebracht, die im Westen unterrepräsentiert sind, wie zum Beispiel die Innenpolitik und die Kultur Russlands. Aber RT betreibt leider das übliche Spiel, bei dem sie dem Westen sagen „Bei Euch läuft auch alles nicht so toll!“ Die Sache ist nur: Der Westen weiß das. Wenn man nicht nur Bild.de und Gmx.de liest, sondern auch ab und zu mal ein paar Euro für den Spiegel, Zeit, Cicero oder The European ausgibt, dann kann man sehr wohl von der Kritik an den US-Gesetzen nach 9/11 lesen und noch viel mehr. Dazu braucht es kein RT Deutsch. Da hilft auch die hübsche Jasmin mit ihren langen Beine nix.

Das Problem ist nur: Die ersten Reaktionen sind natürlich mal wieder sowas wie „Endlich mal die Wahrheit“ – „Ja, gegen den Medienstream“. Ich check das einfach nicht. Westliche Medienhäuser schicken Korrespondenten über Monate in Krisengebiete, andere Reporter wühlen sich durch hunderte Papiere und wieder andere leben Jahre in fremden Ländern und versuchen den Menschen zu Hause, möglichst neutral die Sachlage wiederzugeben. Aber wem wird applaudiert? Irgendwelchen alten Ex-Militärs und Ex-Agenten, die schon lange außer Dienst sind und von einer Moderatorin interviewt werden, über die nix im Netz zu finden ist. Das ist dann kritisch. Weils gegen den Mainstream geht. Und wenns gegen den Mainstream geht, ists kritisch. Und wenns kritisch ist, ist es die Wahrheit. Tja, so lässt sich offenbar alles zurechtbiegen. Nur nicht der eigene Kopf.

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