Was die EU so alles Gutes tut

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Manchmal könnte man denken, in Nachrichtenredaktionen gibt es einen Heute-hauen-wir-mal-wieder-auf-die-EU-drauf-Tag. Da schreiben Journalisten dann Artikel darüber, wo in Europa mal wieder sinnlos Geld verpulvert wird. Dafür halten dann meistens die Strukturfonds der EU her. Jene Fonds, die nach den Agrarsubventionen den Großteil des EU-Budgets ausmachen (über mögliche Kürzungsvorschläge habe ich für Handelsblatt.com mal ein Interview geführt). Die Wirtschaftswoche etwa hat vier Journalisten darauf angesetzt, um über den „Milliardenwahnsinn mit den EU-Subventionen“ zu schreiben.

Klar läuft bei der Vergabe nicht alles perfekt, aber was Ähnliches könnte man auch über deutsche Förderpolitik schreiben. Berliner Flughafen. Elbphilharmonie. S21. Und das sind nur die Großprojekte. Seit Jahren listet der Bund der Steuerzahler aus ihrer Sicht unsinnige staatliche Ausgaben auf. Und das sind nicht wenige.

Man muss ja nicht immer so anti drauf sein. Deswegen habe ich bei einer Bustour für Journalisten mitgemacht, zu der das EU-Regionalbüro in Bonn eingeladen hat. Da sollte uns Medienleuten mal gezeigt werden, was die EU alles so Gutes tut. Etwa 20 Journalisten wurden einen Tag lang durch die Gegend gekarrt, um sich EU-Förderprojekte anzugucken. Alles auf Kosten der Steuerzahler. Was dabei rumgekommen ist, lest ihr hier.

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Der erste Stopp war das Europa-Kolleg des Vereins für Europäische Sozialarbeit (VESBE). Hier kommen Jugendliche her, die extreme Lernschwierigkeiten und/oder soziale Probleme haben und damit nicht so einfach auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen können. Sie haben einerseits Schule, andererseits erlernen sie die Grundkenntnisse in handwerklichen Ausbildungsberufen wie Maler, Friseur oder Metallverarbeiter. Rund 300.000 Euro Fördergelder gab es im Schuljahr 2012/13 für 50 Teilnehmer eines sogenannten „Werkstattjahrs“.

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Dieser Junge hier heißt Stone, ja, wie der Stein (Er selbst mag den Namen nicht, weil seine Kollegen ihn gerne damit aufziehen). Der 16-Jährige weiß noch nicht so recht, was er werden will (wer weiß das schon mit 16?), findet es aber gut, dass er hier mal ein paar Dinge ausprobieren kann. Von ehemaligen Schulkollegen hat er schon gehört, dass sie nach dem Abschluss einen Job gefunden haben. Laut Statistiken des Kollegs kommen die meisten Abgänger erst einmal in weitere Fördermaßnahmen oder staatlich subventionierte Arbeit – dennoch schaffen einige auch den Sprung in den Arbeitsmarkt.

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Mit der Förderung solcher Projekte will die EU ihren Beitrag dazu leisten, die Jugendarbeitslosigkeit zu senken. Die Räume – so wie ich das bei unserem kurzen Besuch gesehen habe – sind gut ausgestattet. Auch ein anderer Jugendlicher erzählt mir, dass er hier sehr viel lerne und er es als Chance wahrnehme. Er hat einen Hauptschulabschluss hinter sich und hatte sich bei Saturn, Media Markt und anderen Kaufhäusern als Verkäufer beworben. „Aber wenn du keinen Realschulabschluss hast, hast du keine Chance“, erzählt er.

Stopp Nummer Zwei ist ein Bio-Bauernhof im Bergischen Land. Klar bekommt der Bauer auch Agrar-Subventionen, aber darum geht es hier mal nicht. Ist ein anderer Fördertopf und so. Wollte der Bauer auch nicht wirklich drüber sprechen. Und hier jetzt über Sinn und Unsinn dieser Förderung zu diskutieren, habe ich auch keine Lust drauf. Also: Warum sind wir dann hier?

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Wegen des Projekts „Vielfalt schmeckt“. Die EU unterstützt mit 110.000 Euro die lokale Esskultur, das Land NRW ist mit 58.000 Euro beteiligt. Davon bezahlt wird etwa die Stelle von Projektleiterin Ira Schneider. Ihre Aufgabe, wie sie so schön formuliert, ist es „ein Netzwerk zwischen den lokalen Betrieben aufzubauen.“ Bedeutet: Der Käse, der in der Region hergestellt wird, soll am besten in den Gasthäusern der Region verkauft werden. Außerdem will sie, dass die regionalen kulinarischen Spezialitäten erhalten bleiben und dass der Tourismus gestärkt wird.

Der Käse von dem Bio-Bauernhof war auf jeden Fall lecker. Und das Brot auch. Jeder Teilnehmer der Bustour hat ein schönes Paket dieser kulinarischen Köstlichkeiten mit auf den Weg bekommen. Danach ging es in die Rengser Mühle, wo uns das hier vorgesetzt wurde:

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Die Bergische Kaffeetafel. Ein großes Kulturmerkmal der Region: Als Anfang des 20. Jahrhunderts Wanderer aus der Stadt in den Berghütten einkehrten, kramten die Gastwirte alles mögliche aus ihren Speisekammern hervor und servierten es. Waffeln sind so gut wie immer dabei, dazu gibt’s Brot und verschieden Aufstriche. Und natürlich Kaffee. Wie man wann was isst, ist egal. Sympathisch.

Erst das Bio-Bauernbrot und der Bio-Käse, jetzt eine ganze Tafel voller Essen. Einflussnahme auf meine Objektivität mit der Feinschmecker-Tour. Eigentlich eine gute Idee. Leider bin ich kein Gourmet. Essen ist für mich mehr Nahrungsaufnahme als Genuss. Der erhoffte Effekt schlägt ins Gegenteil um.

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Ich frage mich, ob das Fördergeld nicht woanders besser eingesetzt wäre, zum Beispiel um Griechen Arztbesuche zu ermöglichen oder so. Hinzu kommt, dass mit dieser Förderung der Tourismus gestärkt wird. Ira Schneider (links im Bild) meinte: „Wir wollen, dass die Leute aus der Stadt im Bergischen Land Urlaub machen, nicht in der Eifel.“ Da wird mit EU-Fördermitteln der Wettbewerb zwischen Regionen verzerrt. Hinterlässt bei mir einen faden Beigeschmack. Aber okay, das Essen war lecker, da möchte ich nicht so viel meckern.

Schließlich gibt es auch noch eine letzte Station, die ich erwähnen möchte: Die Sporthochschule Köln. Einige Wissenschaftler hier nehmen an dem Forschungsprojekt iStoppFalls teil, das sich mit dem Risiko von Stürzen alter Menschen beschäftigt. Viele Stürze von über 65-Jährigen enden im Krankenhaus. Meinen Großeltern ist das auch schon passiert.

 

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Die Forscher sammeln mit Hilfe einer Smartphone-App Daten über Stürze und versuchen so Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Allerdings, so betont Prof. Dr. Wiebren Zijlstra bei seiner Präsentation immer wieder, weiß die Wissenschaft außerhalb von Labor-Versuchen noch nicht allzuviel darüber. Es ist also viel Pionierarbeit.

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Zijlstra selbst hält die EU-Förderung von Forschung und Entwicklung für sinnvoll: Durch solche EU-Projekte treten Universitäten von ganz Europa miteinander in Kontakt, tauschen sich aus, und ja: vernetzen sich. Selbst die meisten Kritiker des EU-Budgets halten Investitionen in Forschung und Entwicklung für sehr sinnvoll, da sie langfristig auch für wirtschaftliches Wachstum sorgen können (durch neue Produkte, Innovationen etc.).

Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter führte uns dann noch vor, wie das Team versuchen will, mit Hilfe des Xbox-Bewegungserkennungs-Moduls Kinect Stürzen vorzubeugen. Indem nämlich die alten Leute sich vor den Fernseher stellen und Gymnastik-Übungen durchführen. Entweder ganz altmodisch á la zehn Wiederholungen mit dem rechten Bein oder so, oder als Spiel, bei dem sie zum Beispiel Früchte auffangen müssen, die vom Himmel fallen:

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Ist jetzt nicht das allerherausfordenste aller Spiele, aber die Idee ist gar nicht so doof. Könnte vielleicht mal ein Weihnachtsgeschenk für meine Eltern werden, wenn sie nicht mal mehr golfen können. Einen Zwei-Spieler-Modus gibt es schließlich auch.

Auf der Busfahrt zurück zum Hauptbahnhof Köln spreche ich mit einer Studentin, die gerade ihre Abschlussarbeit über soziale Maßnahmen in Europa schreibt und vor allem wegen des ersten Projektes mitgekommen ist. Sie ist keine Journalistin, hat sich da irgendwie eingemogelt, und war ganz überrascht davon, was die EU eigentlich alles so finanziert.

Für mich war das jetzt nicht viel Neues, hinzu kommt, dass das Ganze eine EU-gesponserte Tour war, bei der wohl eher die Rosinen präsentiert wurden. Aber hey, wir Journalisten suchen sonst ja eher nach den faulen Eiern, ab und zu mal die netten Sachen rauszupicken, kann auch nicht schaden.

Am Ende bleibt eben nur die Frage: Will das wirklich jemand lesen?

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