Nachdrucke von Nazi-Zeitungen: Gute Idee, miserable Umsetzung

Deutschland kann wieder Nazi-Zeitungen lesen! Nach einigem Hin und Her darf der Verleger Peter McGee Nachdrucke von Zeitungen aus der NS-Zeit verkaufen. In den Medien ist der Streit zwischen Bayern und den „Zeitungszeugen“ – wie das Projekt heißt – recht präsent gewesen; meiner Meinung nach zu Recht: Ein Verbot der Nachdrucke wäre einer Entmündigung der Bürger gleichgekommen.

Aber die Frage um das Für und Wider dieses Projektes soll es hier gar nicht gehen. Was mich nach diesem Kleinkrieg interessiert: Was bekommt man eigentlich für die 3,80 Euro, die eine Ausgabe der Zeitungszeugen kostet? Ich habe mir deswegen die Sonderausgabe zum Thema „Hindenburgs Tot“ gekauft – und um es vorweg zu nehmen: Diese lose Zettelsammlung ist vor allem eines: lieblos!

Das fängt schon mit dem Umschlag an: DINA3-Format, einfaches Papier, armseliges Layout; als ob jemand das erste Mal ein wenig mit einem Design herumhantiert und nur Word 97 als Hilfe hatte. Blaue Balken am oberen und unteren Rand, in der Mitte ein großes Bild Hitlers und Hindenburgs, hier schwarze Schrift, da weiße, und hier mal kursiv. Aber gut: Vielleicht soll diese monotone Aufmachung einfach schon mal den Leser darauf einstimmen, dass es genauso langweilig weiter geht.

Quelle: Zeitungszeugen, Nr. 10, Seite 1

Quelle: Zeitungszeugen, Nr. 10, Seite 1

Schlägt man die erste Seite auf, liegen dort lose die Nachdrucke des „Mittags“, der „Deutschen Illustrierten“ sowie eine Ankündigung des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers. Wegen dieser Nachdrucke hat man sich schließlich den „Zeitungszeugen“ gekauft; und sie bilden auch seine einzige Stärke. Der Rest der Ausgabe ist so langweilig, wie schon die Aufmachung des Titels vermuten ließ. Auf den beiden Innenseiten des DINA3-Umschlags sowie auf der letzten Seite steht jeweils ein Text. Ja, wirklich. Die Herausgeber haben es fertig gebracht, ganze DINA3-Seite mit Fließtext und einigen Schwarzweiß-Bildern zu füllen.

Auf Seite 2 steht der Artikel „Zur Rolle Hindenburgs“, auf Seite 3 „In preußischer Tradition“ – daneben eine Chronik – und auf der hinteren Umschlagseite findet sich die Rubrik „Geschichte erlesen“. An dem biederen Layout erkennt man, dass die Herausgeber Wissenschaftler und keine Journalisten sind: Die langen Texte, aufgeteilt in fünf Spalten, sind im Vergleich zu anderen wissenschaftlichen Texten recht flüssig geschrieben, aber trotzdem einfach langweilig. Fakten reihen sich an Fakten, die Sprache ist monoton und wenig lebendig. Dass man Geschichte auch besser vermitteln kann, beweisen Magazine wie GEO Epoche und Spiegel History.

Quelle: Zeitungszeugen, Nr. 10, S. 2f (Text von mir unscharf gemacht)

Quelle: Zeitungszeugen, Nr. 10, S. 2f (Text von mir unscharf gemacht)

Dazu kommt noch, dass die Artikel auf Seite 2 und 3 nicht ein einziges Mal auf Stellen in den Nachdrucken verweisen. Die Texte hätten auch in einer wissenschaftlichen Publikation veröffentlich werden können; mit dem Projekt „Zeitungszeugen“ haben sie nur von der Themenwahl etwas gemein. Einzig die Rubrik „Geschichte erlesen“ verweist auf Stellen in den Zeitungen. Doch auch hier wäre eine Tabelle oder Ähnliches angenehmer gewesen als ein hunderte von Zeilen umfassender Fließtext.

Quelle: Zeitungszeugen, Nr 10, S. 4 (Text von mir unscharf gemacht)

Quelle: Zeitungszeugen, Nr 10, S. 4 (Text von mir unscharf gemacht)

Wenn Peter McGee mit diesen Veröffentlichungen wirklich Geschichte näher bringen wollte, so ist ihm das gründlich misslungen. Anstatt Professoren schreiben zu lassen, hätte er sich lieber ein paar freie Journalisten suchen sollen, die den Stoff der breiten Masse wesentlich besser präsentiert hätten. Außerdem sind die Informationen zu den Nachdrucken recht dürftig. Für 3,80 Euro kann man mehr erwarten.

Aber um Aufklärung geht es den Verleger wohl auch gar nicht: Mit Nazigeschichte lässt sich einfach gut Geld verdienen. Und ob der Streit mit Bayern um das Urheberrecht nicht auch Kalkül war, um die Nachdrucke durch die Medien publik zu machen, ist gar kein so abwegiger Gedanke. Die Idee des Projektes halte ich für genial, die Umsetzung jedoch ist miserabel. Für das Geld sollte man sich lieber einmal im Monat ein ordentliches Geschichtsmagazin kaufen; das sieht im Schrank auch besser aus als diese lieblose Zettelwirtschaft.

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