SPIEGELOnline zeigt, was die Medienwelt über die Anonymisierung von Tim K. denkt

Sechs Familien, deren Kinder beim Amoklauf von Winnenden ums Leben kamen, haben in einem offenen Brief verschiedene Forderungen an die Politk gestellt. Unter anderem setzen sie sich dafür ein,  „dass der Name des Amokläufers nicht mehr genannt und seine Bilder nicht mehr gezeigt werden.“ Es bewirke eine „Heroisierung des Täters. “ Was SPIEGEL Online von diesem Vorschlag hält, ist in dem Bericht über diesen Brief nicht schwer zu erkennen:

„Die Unterzeichner forderten, dass bei Gewaltexzessen wie in Winnenden die Medien dazu verpflichtet werden müssen, den Täter zu anonymisieren. „Dies ist eine zentrale Komponente zur Verhinderung von Nachahmungstaten.“

Und gleich im nächsten Absatz heißt es:

Der 17-jährige Tim Kretschmer hatte bei seinem Amoklauf am 11. März 15 Menschen erschossen und sich anschließend selbst getötet.“ (Schwärzung von mir hinzugefügt)

Spiegel ONLINE ist damit natürlich nicht alleine. Eine Suche nach dem Begriff „Tim Kretschmer„auf http://www.sueddeutsche.de bringt 66 Treffer, auf http://www.zeit.de 48 Treffer. Und wen wundert’s: Auf Bild.de erzielt die Suche etwa 10.100 Ergebnisse. Jaja, die Bild… wäre da nicht SPIEGELOnline: Das Nachrichtenportal führt mit 32.500 Treffern klar die Rangliste an.

Wortfeld.de schreibt dazu, dass eine Anonymisierung des Täters eine Utopie sei. Der Grund:

„Da sind erstens ausländische Medien, bei denen die volle Namensnennung der Standard ist und die nicht an deutsches Recht zu binden sind. Da ist zweitens das Internet, in dem viele eine Anonymisierung als Herausforderung ansehen und den Namen herausfinden und verbreiten würden. Und da ist drittens der Täter, der seine Heroisierung dann eben gründlicher etwa im Netz vorbereiten wird, wie schon bei anderen Amokläufen geschehen.“

Das ist sicherlich nicht falsch; aber ist es eine Rechtfertigung? Wozu haben wir denn in Deutschland einen Pressekodex? Nur weil es andere Länder gibt, die keinen Wert auf Persönlichkeitsrechte legen, muss doch Deutschland nicht nachziehen. Wir setzen schließlich auch keine Leute auf den elektrischen Stuhl, nur weil es in Amerika so gehandhabt wird.

Über das Internet wäre sicherlich auch viel Privates über den Täter herausgekommen. Doch darum geht es nicht! Es geht um die mediale Inszenierung, um das Ausschlachten einer Schreckenstat als Massenunterhaltung. Es geht um Zuschaustellung und – ja – auch um Heroisierung. Einen schönen Eintrag dazu gibt es auf dem Lawblog.

Natürlich kann man irgendwie an den Namen und an die Bilder herankommen. Doch in den letzten Tagen führte daran kein Weg vorbei. Jeder kennt nun das Gesicht des Amokläufers, ob er will oder nicht, eingebrannt in das kollektive Gedächtnis. Ohne die Medien wäre das nie passiert.

Ich war unheimlich enttäuscht, als Süddeutsche und Die Zeit den vollen Namen abbildeten – und dass der SPIEGEL das Bild des Täters sogar groß auf Seite 1 zeigte. Das hätte ich von der BILD erwartet; und sicherlich auch ihre Leser. Der Gedankengang ist klar: Die Anzeigenpreise gehen zurück und müssen durch den Vertrieb, also den Verkauf von mehr Auflage, kompensiert werden. Die Boulevardisierung schreitet voran.

Meiner Ansicht nach haben sich die Qualitätsmedien mit der Verachtung des Persönlichkeitsrechts jedoch selbst ein Bein gestellt. Vielleicht hat der Spiegel mit dieser Aktion kurzfristig ein paar Leser hinzugewonnen, doch die Stamm-Leserschaft hat er eher vergrätzt. Das Ansehen der noch traditionswürdig erscheinenden Medien bröckelt; fällt es ganz in sich zusammen, bleiben auch die Leser weg. Die Macher müssen merken: Sie können Boulevard-Themen aufnehmen, sie sind schließlich interessant. Aber das heißt nicht, dass sie wie Boulevardmedien auch auf jeglichen Anstand verzichten müssen.

Liebe Qualitätsmedien: Holt den Pressekodex wieder aus dem Müll hervor und hängt ihn an den Platz, an dem momentan Eure Bilanzen stehen. Auf lange Sicht wird es sich auszahlen.

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3 Kommentare zu “SPIEGELOnline zeigt, was die Medienwelt über die Anonymisierung von Tim K. denkt

  1. Sehr guter Text, kann man nur weiterempfehlen.

    Ich wusste gar nicht, dass „I don’t like Mondays“ von einem Schulmassaker handelt.

  2. > Sehr guter Text, kann man nur weiterempfehlen.

    Eben drum habe ich’s getan. ;-)

    > Ich wusste gar nicht, dass “I don’t like Mondays” von einem Schulmassaker
    > handelt.

    Das erschließt sich auch erst bei genauerer Betrachtung – und dann läuft es einem (also mir) kalt den Rücklen runter. Allein schon der „silicon chip inside her head“… Muss ich irgendwann nochmal in der Schule machen – aber erstmal muss noch Zeit vergehen…

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