Rechtsextremismus ohne Ausländerfeindlichkeit

Man hört ja gerade viel von dieser Studie, die belegt, dass etwa fünf Prozent aller Jugendlichen rechtsextremistisch sind. Nun gibt es dazu einen kritischen Artikel der Neuen Züricher Zeitung (NZZ), auf den mich medienlese aufmerksam gemacht hat. In dem Artikel steht, die Medien hätten sich lediglich auf das letzte 15 Seiten lange Kapitel der 132 Seiten fassenden Studie gestürzt; das Kapitel heißt Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Rechtsextremismus. „Hier findet sich der Stoff, nach dem deutsche Medien offenbar süchtig sind“, heißt es in dem Artikel der NZZ.

Außerdem wird die Methodik der online verfügbaren Studie kritisiert. Ich habe mir einmal die Fragen angeschaut, mit denen Ausländerfeindlichkeit nachgewiesen werden soll. Die folgenden Aussagen konnten von 1 (stimmt nicht) bis 7 (stimmt genau) bewertet werden. Die Antworten wurden in die Kategorien Ablehnung (1 bis 4) und Zustimmung (5 bis 7) aufgeteilt.

1. Die in Deutschland lebenden Ausländer sollen ihren Lebensstil besser an den deutschen anpassen. 57,2 % Zustimmung.

2. Man sollte den in Deutschland lebenden Ausländern jede politische Betätigung untersagen. 22,0% Zustimmung.

3. Die in Deutschland lebenden Ausländer sollten sich ihre Ehepartner unter ihren eigenen Landsleuten auswählen. 21,6% Zustimmung.

4. Die in Deutschland lebenden Ausländer sind keine Bereicherung für die Kultur in Deutschland. 45,4% Zustimmung.

5. Die meisten Ausländer sind kriminell. 39,2% Zustimmung.

6. Wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man die in Deutschland lebenden Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken. 38,0 % Zustimmung.

Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt, S. 115 (www.kfn.de)

Quelle: Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt, S. 115 (www.kfn.de)

So erschreckend hoch auch die Zustimmung ist, so ist sie kaum ein Indiz auf Ausländerfeindlichkeit; sondern eher für dafür, dass sich Vorurteile halten und dass fremde Kultur noch immer auf Unverständniss stößt. Einzig die Aussage nach einem politischen Verbot könnte man wirklich als ausländerfeindlich einstufen. Und das sind „nur“ 22%.

Doch die Wissenschaftler der Studie (zu denen übrigens Christian Pfeiffer gehört, der auch vorschlug, World of Warcraft ab 18 freizugeben) stellen eine „hohe Korrelation fest“ und bilden den Mittelwert aller Aussagen zur Ausländerfeindlichkeit. Deswegen kommen sie darauf, dass über die Hälfte aller befragten Jugendlichen Ausländern feindlich gegenüber steht; nämlich: 55,9%!

Noch besser wird es aber, wenn die Forscher ermitteln wollen, ob Jugendliche rechtsextremes Verhalten an den Tag legen. Die Fragen zielen darauf ab, ob bestimmte Kleidung wie Masterrace oder bestimmte Musik wie Landser gehört wird.

Quelle: Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt, S. 118 (www.kfn.de)

Quelle: Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt, S. 118 (www.kfn.de)

In einer wunderbaren Grafik auf Seite 122 zeigt sich dann, was man davon halten kann:

Quelle: Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt, S. 122 (www.kfn.de)

Quelle: Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt, S. 122 (www.kfn.de)

Dort tauchen auch die 5,2 Prozent auf, die in Medien so gerne zitiert werden. Das sind Jugendliche, die ausländerfeindlich sind und rechtsextremes Verhalten an den Tagen legen. Das Irritierende ist nur: 6,0 Prozent verhalten sind nach Indizien der Studie sehr ausländerfeindlich, aber legen kein rechtsextremes Verhalten an den Tag. Und: 10,7 Prozent der Jugendlichen legen rechtsextremes Verhalten an den Tag, aber sind überhaupt nicht ausländerfeindlich.

Im Klartext heißt das: Es gibt mehr Nazis, die nichts gegen Ausländer haben, als welche, die ausländerfeindlich sind. Vielleicht blicke ich ja als Nicht-Experte da nicht so richtig durch; aber irgendwie ergibt das meiner Meinung nach ein schiefes Bild…

Update, 23.03.09, 9:11 Uhr: Grafiken aus der Studie hinzugefügt.

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2 Kommentare zu “Rechtsextremismus ohne Ausländerfeindlichkeit

  1. In der Tat spannende Statistiken. Interessant für mich: Die Fragen nach der rechtsextremen Einstellung.
    1. Tragen Sie bestimmte Kleidung? – und wieviel Prozent derjenigen, die mit „ja” antworten, tragen diese Klamotten, ohne zu wissen, was sie da tun=
    2. Ich zeige, daß ich rechts bin? – ja, und was hat das nun mit rechtsextrem zu tun? Oder ist es schon so, daß rechts automatisch gleich rechtsextrem ist? Für mich ist die CSU rechts. Und zwar völlig wertfrei. Die NPD ist rechtsextrem. Jemand, der einen CSU-Anstecker hat, müßte also wahrheitsgemäß antworten, daß er etwas trägt, das ihn als rechts ausweist.

    3. Musik: Auch hier gilt dasselbe wie bei 1. Auf den Schulhöfen werden ja CDs dieser Gruppen verteilt. Vielleicht hören die „Beschenkten” da auch mal rein, bevor sie merken, was das für ein Schund ist. Und müssen dann dennoch ankreuzen, daß sie von diesen Bands Musik gehört haben.

    Speziell dieser Fragenbereich ist für mich äußerst merkwürdig konzipiert.

  2. zu 1. und 3. : Da stimme ich dir zu.

    zu 2.: Möglich ist das schon mit dem CSU-Anstecker; aber selbst wenn alle Befragten die Aussage so aufgenommen haben, wie sie gemeint war, ist es dennoch ein verschwinded kleiner Teil von 1,8 Prozent. Schaut man sich dann die Indexzahl an, so könnte man stutzig werden: 9,3 steht da, ein höherer Wert als bei allen Einzelangaben.

    Die Erklärung steht auf S. 118:

    „Aus diesen drei Angaben wurde ein Index gebildet, bei dem der höchste Wert dieser drei Aussagen eingeht: Hört ein Jugendlicher beispielsweise oft Musik entsprecheneder Gruppen, trägt aber nie Buttons/Sticker oder Kleidung bestimmter Marken, so fließt ersterer (d.h. höherer) Wert in den Index ein.“

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