Stress-Wettbewerb

“Aha, du hast also Rückenschmerzen?”

“Nicht nur das: Ich hab auch Kopf- und Nackenschmerzen, und eine Beißschiene, weil ich nachts wegen des ganzen Stresses immer die Zähne zusammendrücke.”

“Aaach, das hab ich schon seit Jahren. Ich nehme sogar jeden Tag drei Schmerztabletten, damit ich klar komme.”

“Ts, Pillepalle, ich muss zweimal die Woche zum Therapeuten und rufe mindestens dreimal die Woche die Krisenhilfe an. Ich habe seit Jahren nicht mehr ordentlich geschlafen.”

“Ach bitte. Auf der Arbeit wetten sie schon auf den nächsten Tag, an dem ich mich wieder versuche umzubringen, weil mir alles zuviel wird.”

“Papperlapp, bei mir wechseln sich die Nachbarn jeden Tag miteinander ab, um an meine Tür zu klopfen, weil sie keine Lust haben, dass das Treppenhaus irgendwann mit Verwesunsgeruch gefüllt ist.”

“Boah, was haben wir nicht für einen Stress, oder?”

“Ja, wir sind echt mal megahart.”

“Kann man nix dran machen.”

“Ne, nix.”

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Warum kriegen die nix hin?

 

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“Politiker kriegen nichts auf die Reihe.”

“Ja, echt mal, wer weiß denn nicht, wie man ein Gesetz in Deutschland verabschiedet? Mehrheiten finden, erste, zweite, dritte Lesung, fertig. Und trotzdem kriegen die nix hin. Die ganzen Flüchtlinge sind immer noch nicht abgeschoben.”

“Naja, bei den Flüchtlingen bin ich anderer Meinung als du, aber diese Politiker, die können sich echt auf nix Vernünftiges einigen. Die Hartz-IV-Sanktionen sind immer noch nicht abgeschafft, das ist menschenunwürdig.”

“Okay, also ich finde ja schon, dass Menschen, die nicht arbeiten, ein paar Auflagen zu erfüllen haben. Aber du hast schon recht: Die Politiker sind echt faul und machen nix. Ich mein’, wer hat nicht schon mal vor Hunderten Leuten seine Ideen verteidigt oder stand unter konstanter Beobachtung von Dutzenden Journalisten, die jedes Wort mitschreiben und kritische Nachfragen stellen? Pillekram.”

“Ist echt so lächerlich, was die machen. Und Verantwortung tragen sie auch keine. Bundestagsabgeordnete entscheiden über Gesetze, die gerade mal 80 Millionen Leute betreffen. Dafür lesen die halt mal ein paar Studien, reden mit Interessenvertretern, wägen alles gegeneinander ab und treffen eine Entscheidung. Das hab’ ich schon im Kindergarten gemacht.”

“Die haben nie richtig gearbeitet. Keiner von denen hat eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker und trotzdem wollen die uns weiß machen, dass der Feinstaub unsere Lungen vergiftet.”

“Also bei dem Feinstaub habe ich jetzt schon was zu gelesen, dass der echt schädlich ist, da sollte man was machen, aber sonst geb’ ich dir Recht: Nix können die, sind nur am labern, labern, labern und am Ende kommt nix bei raus.”

“Ja, wir bräuchten einfach mal wieder so einen, der durchgreift, so einen richtigen Macher, wie den Trump.”

“Ne, sowas brauchen wir nun auch wieder nicht. Wir brauchen einfach mal gute Politiker.”

“Nein, wir brauchen überhaupt keine Politiker.”

“Mh, das sehe ich nicht so, aber trotzdem: So kann es nicht weitergehen.”

“Ja, finde ich auch!”

“Siehst du, wir verstehen uns. Warum kriegt das die Politik nicht hin?”

Karnivorier

„Ich hätte gerne einmal das Gemüsecurry und eine Holunder-Bionade.“
„Und ich nehme das Stroganoff und ein Bier.“
„Echt jetzt? Du isst Fleisch?“
„Ja, habe ich mich bewusst für entschieden.“
„Okay, also finde ich ja in Ordnung, ich könnte das nicht, wäre mir viel zu blöd, immer darauf zu achten.“
„Ja, stimmt schon, bei McDonald’s kann ich zum Beispiel nur den Salat mit Hühnchen essen, und Pommes gehen halt gar nicht. Muss dann immer fragen, ob ich als Beilage ein paar Chicken Wings bekommen könnte.“
„Und dein Gewissen? Verträgt es das? Musst du nicht moralische Ergänzungsmittel zu dir nehmen?“
„Ich muss schon aufpassen, aber hin und wieder ein wenig MDMA und ich denk da nicht mehr dran.“
„Echt krass, und wie lange isst du schon Fleisch?“
„Mit 12 habe ich mal in einer industriellen Abfertigungsanlage gearbeitet. Rund 100 Kühe habe ich da jeden Tag mit ’nem Bolzenschuss umgebracht. Als ich dann gesehen hab, wie ihnen dann die Haut abgezogen, sie zerhäckselt wurden und überall Blut floss, da hab ich mir gesagt: Das sieht lecker aus, das will ich essen.“
„Mhm, kann ich verstehen, ich bin halt so aufgewachsen, bei uns gab’s jeden Tag vegetarisch.“
„Bei mir ja auch, das war voll selbstverständlich. Aber irgendwann denkst du dir: Ich tu’s der Wirtschaft und den Arbeitsplätzen zuliebe. An die denkt ja sonst keiner.“

Lass deinen Gefühlen freien Lauf

“Ich habe jetzt beschlossen, immer nur auf mein Herz zu hören”, sagte Judith.

“Oh, das ist ja super, voll gut, voll schön”, antwortete Heribert und hängte seine Jack-Wolfskin-Jacke an dem Kleiderständer auf.

“Ja, finde ich auch”, sagte Judith. “Sonst habe ich immer viel zu sehr mit dem Kopf gedacht, meine Entscheidungen und Gedanken hin- und hergewälzt, was nachgelesen, nochmal nachgedacht, gezweifelt, du weißt schon, diesen ganzen rationalen Kram, der uns davon abhält, einfach zu leben.”

“Ja, voll schön, dass du jetzt mehr im Leben stehst”, sagte Heribert und nahm eine Bio-Brause aus seinem FCK-AFD-Jutebeutel. “Ich habe dir doch immer gesagt, dass das total befreiend ist, nicht immer so viel zu grübeln, sondern einfach das Leben zu genießen.”

“Voll! Danke dafür”, antwortete Judith. “Weißt du, bislang habe ich immer so hin- und herüberlegt, wie man die Probleme der weltweiten Migration eindämmen oder mindern kann, du weißt ja, wie viel Gedanken ich mir darüber gemacht habe.”

“Mhm”, nickte Heribert verständnisvoll.

“Doch jetzt mache ich mir keine Gedanken mehr darum”, freute sich Judith. “Ich will jetzt einfach eine Mauer.”

Das gute schlechte Gewissen

“Ich finde es echt gut, dass Papa immer ein schlechtes Gewissen hatte, als er mehrmals im Monat mit dem Flugzeug zu seiner Arbeit gependelt ist, sonst würde ich ihn ganz schön hassen”, sagte Giesbert, als er auf den Deichen vor Hannover auf das Meer blickte.

“Ja”, erwiderte Ingrid. “Ich bin auch froh, dass Mama immer mit einem schlechten Gewissen in den Supermärkten eingekauft hat, wo alles in Plastik eingepackt war. Sonst würde ich ihr ganz schön Vorwürfe dafür machen, was mit mir passiert ist.” Sie kratzte sich mit ihrem nicht in sich verwachsenen Arm an ihrem Krebsgeschwür und keuchte danach ihr niedliches Asthma-Husten, spuckte ein wenig Blut und tanzte dann weiter auf den Plastik-Inseln vor der Küste herum.

“Die konnten sich auch nicht um alles kümmern”, sagt Giesbert. “Zum Beispiel mussten die sich ganz viel Gedanken darum machen, dass die Geschlechterrollen aufgehoben werden. Dass du zum Beispiel davon erzählst, dass deine Mutter einkaufen war und ich davon, dass mein Vater immer mit dem Flugzeug zur Arbeit gependelt ist, dadurch reproduzieren wir Geschlechterrollen von der Mutter, die einkaufen geht, und dem Vater, der arbeitet.”

“Aber es war doch so!”, sagte Ingrid.

“Das ist egal”, antwortete Giesbert. “Stell’ dir mal vor, jemand würde diese Geschichte aufschreiben und vorlesen, dann hätten sich damals unsere Eltern über die geschlechterstereotypischen Figuren aufgeregt, damit das allen mal bewusst wird, wie geschlechterstereotypisch unser ganzes Verhalten ist. Damit waren unsere Eltern nun mal schwer beschäftigt, für die Zerstörung der Umwelt hatten sie eben nur noch ein schlechtes Gewissen übrig. Was will man mehr verlangen?”

“Stimmt”, sagte Ingrid. “Mutter meinte auch immer, dass die damals ganz viele Probleme mit Ausländern hatten. Jeden Tag gab es einen Messermord von Arabern. Also gut, nicht jeden Tag, und es waren auch nicht immer Araber, aber das war schon ein großes Problem, mit dem sich unsere Eltern jahrelang herumgeschlagen haben. Die mussten sich halt ganz viel mit anderen Leuten beschäftigen und nicht mit sich selbst, da blieb nur noch Zeit, sich ein ganz schlechtes Gewissen zu machen. Aber dass sie das überhaupt auf die Reihe bekommen haben, finde ich total toll. Ich liebe meine Eltern dafür.”

“Ich meine auch”, erwiderte Giesbert. “Sie sind die besten Vorbilder für mich. Neulich habe ich zum Beispiel dem dicken Markus eine reingehauen und ihm das Penicillin geklaut, das er für seine kranke Oma dabei hatte. Als ich es auf dem Schwarzmarkt verkauft und mir von dem Geld das neue Fifa geholt habe, hatte ich ein ganz schlechtes Gewissen dabei.”

“Das ist toll von dir”, sagte Ingrid. “Da wird sich der Markus bestimmt drüber freuen, hast du es ihm schon gesagt?”

“Mache ich morgen, er braucht da ein wenig Aufmunterung, da wird seine Oma beerdigt.”

“Ach toll”, himmelte Ingrid Giesbert an. “Warum können nicht alle Männer so toll sein wie du?”

“Weil sie wegen des ganzen Plastiks im Körper Hormonverstimmungen haben und nicht mehr echte Männer sind.”

“Ist das nicht eine ziemlich biologistisch-sexistische Aussage von dir?”

“Mh, stimmt”, sagte Giesbert. “Darüber sollten wir uns echt mal Gedanken machen.”

Wer Visionen hat, sollte dazu stehen

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SPD-Chef Martin Schulz fordert die Vereinigten Staaten von Europa bis 2025 – und trifft einen Nerv. Er darf sich jetzt nicht einschüchtern lassen. Deutschland braucht die Debatte.

Endlich hat er es getan. Endlich hat Martin Schulz das Thema nach vorne gestellt, für das der heutige SPD-Chef und ehemals langjähriger Abgeordneter des Europa-Parlaments glaubhaft stehen kann: die Vereinigten Staaten von Europa bis 2025. Damit hat die SPD endlich ein Thema gefunden, das die Menschen bewegt und eine längst überfällige Debatte anstößt. Nun darf sie nur nicht einknicken.

In den sozialen Netzen herrschte überdurchschnittlich viel Aufruhr zu der Nachricht: Ein Bild von Martin Schulz auf der Facebook-Seite von “Zeit Online” mit dem Zitat „Leute, Europa ist unsere Lebensversicherung” erreichte zum Beispiel rund 1000 Reaktionen, während schon überdurchschnittlich gute Posts der Wochenzeitung bei 500 tendieren. Der Top-Kommentar darunter, der über 200 Reaktionen einsammelte, lautete: „Der einzig richtige Weg, wenn dieser Kontinent zwischen den Machtblöcken des 21. Jahrhunderts bestehen bleiben und nicht völlig irrelevant werden will.”

Auf der Handelsblatt-Facebook-Seite hingegen schlugen die Reaktionen in die völlig andere Richtung aus. Hier lautete der Top-Kommentar eines Nutzers: „Die SPD ist damit eine Staatsfeindliche Vereinigung und gehört vom Verfassungsschutz beobachtet!!!“ Hat während des Wahlkampfes 2017 eine Forderung der SPD so polarisiert wie diese?

Geblieben aus den Schlafwandel-Monaten vor dem 24. September war doch vor allem Schulz’ Aussage, die heutige geschäftsführende Bundeskanzlerin Angela Merkel verübe einen “Anschlag auf die Demokratie”, weil sie sich einer Debatte verweigere. Dabei lag das Verschulden nicht bei ihr; zu einer Debatte muss seinen politischen Gegner eben auch zwingen: Die SPD-Wahlkampfzentrale hatte die europäischen Klingen von Schulz jedoch mit nationalen Themen stumpf geschliffen. Wirkungslos waren seine Angriffe daher an der Teflon-Kanzlerin abgeglitten.

Doch mit seiner Forderung nach den Vereinigten Staaten von Europa hat der Ex-Präsident des Europaparlaments die oft als große Europäerin betitelte Merkel aus der Reserve gelockt. Für sie stehe die “Handlungsfähigkeit” der Europäischen Union im Vordergrund, entgegnete sie auf Schulz’ Vorschlag, nicht eine “Zieldefinition”. Schulz hat damit ihre größte Schwäche entblößt: die Visionslosigkeit.

Merkel-Deutschland hat sich lange um die großen, europäischen Fragen gedrückt: Wollen wir ein Europa der Regierungen oder ein Europa des Parlaments? Ein Europa der Kredite und Sparauflagen oder ein Europa der Schuldenvergemeinschaftung und Investitionen? Ein Europa mit Markt ohne Staat oder ein Europa mit Staat und Markt? Statt darüber zu diskutieren und zu eruieren, wohin die Reise gehen soll, hat Merkel sich von Krise zu Krise durchgewurschtelt. Eine klare “Zieldefinition” fehlte. Die lieferte dann die AfD mit ihrer Losung “Zurück zum Nationalstaat”. Einen Gegenvorschlag, der über die bloße “Handlungsfähigkeit” der EU hinausging, gab es und gibt es von Merkel nicht.

Schulz’ Idee dagegen ist streitbar und voller zu füllender Leerstellen, und genau das macht sie so attraktiv. Es ist offen, wie eine europäische Verfassung aussehen würde, schließlich lässt auch die SPD das sehr offen. Im Heidelberger Programm von 1925, worauf sich Schulz bezieht, heißt es schlicht: “Sie [die SPD] tritt ein für die aus wirtschaftlichen Ursachen zwingend gewordene Schaffung der europäischen Wirtschaftseinheit, für die Bildung der Vereinigten Staaten von Europa, um damit zur Interessensolidarität der Völker aller Kontinente zu gelangen.“ Da ist viel Spielraum für Interpretation.

Die Vereinigten Staaten von Europa müssten gar nicht zwangsläufig zu mehr Macht nach Brüssel ans Parlament oder die Kommission kommen, vielleicht könnte sogar die Rolle der Regionen gestärkt werden, wie es die etwa die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot fordert. Wahrscheinlich würde das Ergebnis irgendwo dazwischen liegen, doch zuallerst ist der Weg das Ziel. Europa muss über seine Zukunft diskutieren, und das geht nur, wenn Schulz nicht einknickt. Er darf sich nicht einschüchtern lassen.

Zu lange war die SPD und im Grunde ganz Deutschland in Ehr und Furcht vor Helmut Schmidts Bonmot “Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen” erstarrt. Allerdings hat der SPD-Ex-Bundeskanzler im Nachhinein selbst gesagt, dies sei nur eine „pampige Antwort auf eine dusselige Frage”  gewesen. Er habe diesen Satz nur „ein einziges Mal gesagt“, sei „aber tausendfach zitiert worden. Einmal hätte genügt.“ Der verstorbene SPD-Grande hätte daher sicher nichts dagegen gehabt, wenn man das Zitat für die heutige Zeit anpasst: Wer Visionen hat, sollte dazu stehen. Wer keine hat, soll zuhause bleiben.