Das gute schlechte Gewissen

“Ich finde es echt gut, dass Papa immer ein schlechtes Gewissen hatte, als er mehrmals im Monat mit dem Flugzeug zu seiner Arbeit gependelt ist, sonst würde ich ihn ganz schön hassen”, sagte Giesbert, als er auf den Deichen vor Hannover auf das Meer blickte.

“Ja”, erwiderte Ingrid. “Ich bin auch froh, dass Mama immer mit einem schlechten Gewissen in den Supermärkten eingekauft hat, wo alles in Plastik eingepackt war. Sonst würde ich ihr ganz schön Vorwürfe dafür machen, was mit mir passiert ist.” Sie kratzte sich mit ihrem nicht in sich verwachsenen Arm an ihrem Krebsgeschwür und keuchte danach ihr niedliches Asthma-Husten, spuckte ein wenig Blut und tanzte dann weiter auf den Plastik-Inseln vor der Küste herum.

“Die konnten sich auch nicht um alles kümmern”, sagt Giesbert. “Zum Beispiel mussten die sich ganz viel Gedanken darum machen, dass die Geschlechterrollen aufgehoben werden. Dass du zum Beispiel davon erzählst, dass deine Mutter einkaufen war und ich davon, dass mein Vater immer mit dem Flugzeug zur Arbeit gependelt ist, dadurch reproduzieren wir Geschlechterrollen von der Mutter, die einkaufen geht, und dem Vater, der arbeitet.”

“Aber es war doch so!”, sagte Ingrid.

“Das ist egal”, antwortete Giesbert. “Stell’ dir mal vor, jemand würde diese Geschichte aufschreiben und vorlesen, dann hätten sich damals unsere Eltern über die geschlechterstereotypischen Figuren aufgeregt, damit das allen mal bewusst wird, wie geschlechterstereotypisch unser ganzes Verhalten ist. Damit waren unsere Eltern nun mal schwer beschäftigt, für die Zerstörung der Umwelt hatten sie eben nur noch ein schlechtes Gewissen übrig. Was will man mehr verlangen?”

“Stimmt”, sagte Ingrid. “Mutter meinte auch immer, dass die damals ganz viele Probleme mit Ausländern hatten. Jeden Tag gab es einen Messermord von Arabern. Also gut, nicht jeden Tag, und es waren auch nicht immer Araber, aber das war schon ein großes Problem, mit dem sich unsere Eltern jahrelang herumgeschlagen haben. Die mussten sich halt ganz viel mit anderen Leuten beschäftigen und nicht mit sich selbst, da blieb nur noch Zeit, sich ein ganz schlechtes Gewissen zu machen. Aber dass sie das überhaupt auf die Reihe bekommen haben, finde ich total toll. Ich liebe meine Eltern dafür.”

“Ich meine auch”, erwiderte Giesbert. “Sie sind die besten Vorbilder für mich. Neulich habe ich zum Beispiel dem dicken Markus eine reingehauen und ihm das Penicillin geklaut, das er für seine kranke Oma dabei hatte. Als ich es auf dem Schwarzmarkt verkauft und mir von dem Geld das neue Fifa geholt habe, hatte ich ein ganz schlechtes Gewissen dabei.”

“Das ist toll von dir”, sagte Ingrid. “Da wird sich der Markus bestimmt drüber freuen, hast du es ihm schon gesagt?”

“Mache ich morgen, er braucht da ein wenig Aufmunterung, da wird seine Oma beerdigt.”

“Ach toll”, himmelte Ingrid Giesbert an. “Warum können nicht alle Männer so toll sein wie du?”

“Weil sie wegen des ganzen Plastiks im Körper Hormonverstimmungen haben und nicht mehr echte Männer sind.”

“Ist das nicht eine ziemlich biologistisch-sexistische Aussage von dir?”

“Mh, stimmt”, sagte Giesbert. “Darüber sollten wir uns echt mal Gedanken machen.”

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Wer Visionen hat, sollte dazu stehen

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SPD-Chef Martin Schulz fordert die Vereinigten Staaten von Europa bis 2025 – und trifft einen Nerv. Er darf sich jetzt nicht einschüchtern lassen. Deutschland braucht die Debatte.

Endlich hat er es getan. Endlich hat Martin Schulz das Thema nach vorne gestellt, für das der heutige SPD-Chef und ehemals langjähriger Abgeordneter des Europa-Parlaments glaubhaft stehen kann: die Vereinigten Staaten von Europa bis 2025. Damit hat die SPD endlich ein Thema gefunden, das die Menschen bewegt und eine längst überfällige Debatte anstößt. Nun darf sie nur nicht einknicken.

In den sozialen Netzen herrschte überdurchschnittlich viel Aufruhr zu der Nachricht: Ein Bild von Martin Schulz auf der Facebook-Seite von “Zeit Online” mit dem Zitat „Leute, Europa ist unsere Lebensversicherung” erreichte zum Beispiel rund 1000 Reaktionen, während schon überdurchschnittlich gute Posts der Wochenzeitung bei 500 tendieren. Der Top-Kommentar darunter, der über 200 Reaktionen einsammelte, lautete: „Der einzig richtige Weg, wenn dieser Kontinent zwischen den Machtblöcken des 21. Jahrhunderts bestehen bleiben und nicht völlig irrelevant werden will.”

Auf der Handelsblatt-Facebook-Seite hingegen schlugen die Reaktionen in die völlig andere Richtung aus. Hier lautete der Top-Kommentar eines Nutzers: „Die SPD ist damit eine Staatsfeindliche Vereinigung und gehört vom Verfassungsschutz beobachtet!!!“ Hat während des Wahlkampfes 2017 eine Forderung der SPD so polarisiert wie diese?

Geblieben aus den Schlafwandel-Monaten vor dem 24. September war doch vor allem Schulz’ Aussage, die heutige geschäftsführende Bundeskanzlerin Angela Merkel verübe einen “Anschlag auf die Demokratie”, weil sie sich einer Debatte verweigere. Dabei lag das Verschulden nicht bei ihr; zu einer Debatte muss seinen politischen Gegner eben auch zwingen: Die SPD-Wahlkampfzentrale hatte die europäischen Klingen von Schulz jedoch mit nationalen Themen stumpf geschliffen. Wirkungslos waren seine Angriffe daher an der Teflon-Kanzlerin abgeglitten.

Doch mit seiner Forderung nach den Vereinigten Staaten von Europa hat der Ex-Präsident des Europaparlaments die oft als große Europäerin betitelte Merkel aus der Reserve gelockt. Für sie stehe die “Handlungsfähigkeit” der Europäischen Union im Vordergrund, entgegnete sie auf Schulz’ Vorschlag, nicht eine “Zieldefinition”. Schulz hat damit ihre größte Schwäche entblößt: die Visionslosigkeit.

Merkel-Deutschland hat sich lange um die großen, europäischen Fragen gedrückt: Wollen wir ein Europa der Regierungen oder ein Europa des Parlaments? Ein Europa der Kredite und Sparauflagen oder ein Europa der Schuldenvergemeinschaftung und Investitionen? Ein Europa mit Markt ohne Staat oder ein Europa mit Staat und Markt? Statt darüber zu diskutieren und zu eruieren, wohin die Reise gehen soll, hat Merkel sich von Krise zu Krise durchgewurschtelt. Eine klare “Zieldefinition” fehlte. Die lieferte dann die AfD mit ihrer Losung “Zurück zum Nationalstaat”. Einen Gegenvorschlag, der über die bloße “Handlungsfähigkeit” der EU hinausging, gab es und gibt es von Merkel nicht.

Schulz’ Idee dagegen ist streitbar und voller zu füllender Leerstellen, und genau das macht sie so attraktiv. Es ist offen, wie eine europäische Verfassung aussehen würde, schließlich lässt auch die SPD das sehr offen. Im Heidelberger Programm von 1925, worauf sich Schulz bezieht, heißt es schlicht: “Sie [die SPD] tritt ein für die aus wirtschaftlichen Ursachen zwingend gewordene Schaffung der europäischen Wirtschaftseinheit, für die Bildung der Vereinigten Staaten von Europa, um damit zur Interessensolidarität der Völker aller Kontinente zu gelangen.“ Da ist viel Spielraum für Interpretation.

Die Vereinigten Staaten von Europa müssten gar nicht zwangsläufig zu mehr Macht nach Brüssel ans Parlament oder die Kommission kommen, vielleicht könnte sogar die Rolle der Regionen gestärkt werden, wie es die etwa die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot fordert. Wahrscheinlich würde das Ergebnis irgendwo dazwischen liegen, doch zuallerst ist der Weg das Ziel. Europa muss über seine Zukunft diskutieren, und das geht nur, wenn Schulz nicht einknickt. Er darf sich nicht einschüchtern lassen.

Zu lange war die SPD und im Grunde ganz Deutschland in Ehr und Furcht vor Helmut Schmidts Bonmot “Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen” erstarrt. Allerdings hat der SPD-Ex-Bundeskanzler im Nachhinein selbst gesagt, dies sei nur eine „pampige Antwort auf eine dusselige Frage”  gewesen. Er habe diesen Satz nur „ein einziges Mal gesagt“, sei „aber tausendfach zitiert worden. Einmal hätte genügt.“ Der verstorbene SPD-Grande hätte daher sicher nichts dagegen gehabt, wenn man das Zitat für die heutige Zeit anpasst: Wer Visionen hat, sollte dazu stehen. Wer keine hat, soll zuhause bleiben.

Lesetipp: In welchem Semester bin ich eigentlich?

Yippieh! Meine erste Buch-Rezension :)

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…77 Geschichten zwischen Poutzplan und Prokrastination…

Hallo Ihr lieben Leser,

für diesen Monat möchte ich ein bißchen Werbung machen. Ja, auch das erlaube ich mir hin und wieder ganz offensichtlich! Ich kenne da nämlich jemanden, der ein Buch geschrieben hat und der mich ganz unauffällig in einer Signatur gebeten hat, wenn ich es schon lese auch darüber zu bloggen. Das möchte ich hiermit tun:

514mkso3c-lMit „In welchem Semsester bin ich eigentlich? 77 Geschichten zwischen Putzplan und Prokrastination“ hat Steffen D. Meyer eine kleine Sammlung seiner Kollumne veröffentlicht. Dies bedeutet, es gibt keine lange Geschichte, sondern viele kurzweilige Anekdoten, Meinungen und Berichte direkt aus dem Leben eines Studenten! Da ich ebenfalls lange studierte, kann ich die Geschichten nur all zu gut nachvollziehen, egal ob es um Putzpläne, das WG Leben oder auch die Masterarbeit geht – hier wird man sich als Studierender oder auch als Ex-Universitätsbesucher garantiert wiederfinden.

Doch auch für…

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Nex – Der Konflikt

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Ein Roman braucht: Konflikte, Konflikte, Konflikte. So steht es bestimmt nicht nur in einem Schreib-Ratgeber. Harmonie und Eintracht verleitet niemanden zum weiterlesen, durch Konflikte entsteht Reibung, Spannung und damit der Drang weiterzulesen. Deswegen scheinen Nachrichten auch immer nur von schlechten Dingen zu handeln: Weil Menschen eben eher auf eine konfliktversprechende Überschrift klicken als auf das Gegenteil.

Was ist also der Konflikt in meinem Roman?

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Nex – Der Anfang und der Hauptcharakter

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Im letzten Teil hatte ich geschrieben, dass es jetzt mit den Charakteren weitergeht, aber ich habe mich einfach mal umentschieden und beginne mit dem Anfang der Story. Mir war dabei von Anfang an eine Sache wichtig: Sie darf nicht so anfangen wie so viele Fantasy-Geschichten, anfangen: Ein Junge oder ein Mädchen findet einen Meister oder Meisterin, der/die dann von den Bösen umgebracht wird, und der Junge/das Mädchen bricht auf, um dem Bösen Einhalt zu gebieten. Mir war klar: Mein Junge, der Hauptcharakter Alan, sollte seinen Meister selbst umbringen – und zwar ohne langes Vorgeplänkel.

Auch wenn sich das nicht nach einer unheimlich gravierenden Änderung anhört, so habe ich diesen Vorsatz doch unterschätzt. Denn 1.) wie kann ein Leser Sympathie zu einem Charakter aufbauen, der gleich zu Anfang seinen Meister umbringt? Und 2.) haben viele Fantasy-Bücher nicht ohne Grund ein „langes Vorgeplänkel“, weil sie dadurch in die Welt und die Charaktere einführen, bevor es mit der eigentlichen Story beginnt. Allerdings war mir das egal: 1.) Soll mein Hauptcharakter nicht unbedingt sympathisch sein, er sollte sogar eher so wirken, als habe er keinen Charakter, und 2.) will ich eine Geschichte schreiben, um etwas auszusagen (siehe: Nex – Worum es (mir) geht) und nicht – wie zum Beispiel Tolkien – eine Geschichte benutzen, um eine Fantasy-Welt zu beschreiben. Das ganze Beschreibungs-Gedöns wollte ich auf ein Minimum reduzieren, weil es mich bei anderen Fantasy-Romanen häufig gelangweilt hat.

In meinem ersten Entwurf habe ich das erste Kapitel „Kapitel 0“ benannt, weil ich mir sicher war, dass ich mit dem Anfang nicht zufrieden sein und ihn eh neu schreiben werde. Ich sollte Recht behalten:

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Ich habe lange an dem ersten Satz herumgedoktert. Der erste Versuch war:

„Nachdem Alan seinen Meister getötet hatte, gingen seine Gedanken zurück in die Kindheit. fragte er sich, ob das Frieden war.“

In meiner jetzigen Fassung steht Folgendes:

„Das erste, was Alan sah, war das Blut an seinen Händen XXXein toter, alter Mann. XXXwar der Tod.XX  XXXX Alan blickte auf das Blut an seinen Händen.“

Soll heißen: Ich weiß immer noch nicht, wie ich anfangen kann, weil ich mir noch nicht sicher bin, welches Thema das Buch dominiert. Tod. Frieden. Freiheit. Krieg.

Das nächste Problem ist, dass ich mich frage, ob der Hauptcharakter Alan seinen Meister bewusst umbringt oder durch das Nex – die Macht, die ihm innewohnt – dazu gebracht wird. Im Moment tendiere ich zu folgendem Anfang:

„Alan wusste alles, doch verstand nichts.

Sein Meister Perduck hatte ihm die Geschichte dieser Welt gelehrt, welche Völker auf ihr hausten, wie sie lebten, welche Bräuche sie pflegten. Der Junge kannte all die Manöver im Schwerkampf, die Paraden, die Attacken, die Finten und die Wuchtschläge. Er wusste alles über Taktiken und Strategien, jeden Tag hatte er sie mit Holzfiguren auf Brettern studiert.

Auch hatte Perduck ihm erzählt, warum er all das lernen musste: Alan war Die Waffe, geschaffen aus einer mystischen Macht namens Nex. Er sollte den Frieden zwischen zwei Völkern bringen. Er sollte sich auf die Seite des einen Volkes stellen, den Odobai, ihren Wald bewachen und dafür sorgen, dass sie nicht die Menschen beeinflussen, aber die Menschen zu sich hineinlassen und ihnen ihren Weg lehren. Die Togarev hingegen sollte er gewähren lassen und darauf hoffen, dass sich die Menschen und schließlich alle Völker dem Weg der Odobai anschließen würden. Nur dann würde ewiger Friede einkehren.

Alan hatte all das auswendig gelernt, um die Fragen seines Meisters richtig zu beantworten, er verinnerlichte all die Antworten ohne ihre Bedeutung zu kennen. Nur dann gewährte ihm sein Meister ein wenig freie Zeit.

Doch mit den Jahren hatte es Alan satt, nur diesen Wald zu sehen und tag ein tag aus mit seinem Meister zu über die Geschichte und die Völker zu sprechen, sich im Kampf mit den Holzschwertern zu üben und Figuren über Bretter zu schieben. Er hatte alles über die Welt erfahren, aber sie nie selbst gesehen.

Er wollte hinaus, sein Leben leben, doch Perduck ließ das nicht zu. Es sei nicht an der Zeit, wiederholte er immer wieder. So wuchs der Groll in Alan heran und wandelte sich schließlich in Zorn. Und mit dem Zorn spürte Alan das Nex.Jene Kraft, die der Welt den Frieden bringen sollte, sollte ihm seine Freiheit gewähren.

Und das Licht erglomm.“

 

Nex – Die Philosophie

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Es herrscht also ein Krieg zwischen den demokratisch-liberalen Odobai und den autokratisch-restriktiven Togarev (auf den Grund komme ich später zu sprechen). Allerdings ist eine Gesellschaft nie homogen, also nicht alle Odobai oder Togarev sind gleich, es gibt Schattierungen und Extreme. Ich brauchte ein Koordinatensystem, auf dem ich die politisch-philosophische Einstellung meiner Völker und Charaktere positionieren konnte. Nach langer Recherche durch diverse Philosophie-Seiten und einem Gespräch mit einem Philosophie-Studenten bin ich schließlich auf die Opposition Kant vs. Nietzsche gestoßen.

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